Don’t be evil, Google

Johannes Beus
Gestern hat sich die Gründung Googles zum zehnten Mal gejährt. Rückblicke und Lobhudeleien gibt es genug, ich möchte aber ein paar Worte dazu verlieren, wie sich das Bild Googles in meinen Augen über die letzten Jahre verändert hat.

Die Verlinkung von Webseiten als Grundlage für das Ranking zu nehmen, war eine geniale Idee; Google daraufhin recht schnell die „beste“ Suchmaschine und mittlerweile in nahezu allen, westlichen Märkten unangefochtener Marktführer. Eine Quasi-Monopolstellung, für die Microsoft im Betriebssystemmarkt noch Jahrzehnte benötigte, hat Google innerhalb weniger Jahre erreicht. Da man nach dem Börsengang nicht mehr nur einer Handvoll Geldgeber, sondern der Börse verpflichtet war, mussten Wege für weiteres Wachstum gefunden werden. Und die gab es nur in anderen Geschäftsfeldern.

Google Mail übernimmt den E-Mail-Verkehr des Nutzers, Google Docs liefert eine schöne Online-Officesuite, bei Google Maps/Earth kann man seinen Nachbarn in den Garten gaffen oder die nächste Reise planen. Wer zu blöd für Google AppEngine ist, kann seine Pamphlete bei Google Blogger ins Web stellen, Google Analytics zeigt einem dazu an, wie viele Zugriffe es aus Tibet gab und wenn man dann kurz vorm Herzinfarkt steht, gibt man mal eben seine kompletten Gesundheitsdaten bei Google Health ein und hofft auf Absolution. Und wenn man nicht freiwillig seine Daten rausrückt, so holt Google sich die eben: Analytics, AdSense, Doubleclick und weiterer Cookieschleudern sei Dank, ist ein großer Teil des „aktiven“ Internets unter Kontrolle und für den Rest gibt es ja bald Google Chrome.

Die Informationen und Daten, die jeder dieser Dienste für sich sammelt, wär schon Grund genug, genauer auf die Verwendung zu blicken. Alles zusammen in einer Hand und, entweder automatisiert oder durch die Google-ID verknüpfbar, ist gefährlich. Angetreten, um alles Wissen der Welt zu ordnen, wird mir in letzter Zeit zunehmend deutlich, wie das zu verstehen ist: Zuerst das Wissen besitzen, dann profitorientiert ordnen.

Johannes Beus

Johannes Beus, Gründer und Geschäftsführer von SISTRIX, beschäftigt sich seit 2001 mit der Optimierung von Webseiten für Suchmaschinen. Auf einem der ältesten deutschsprachigen SEO-Blog veröffentlicht er seit 2003 regelmäßig Zusammenfassungen eigener Auswertungen und Einschätzungen des SEO-Marktes.
Eintrag geschrieben am 08.09.2008 um 12:01 Uhr - Trackback setzen - Tags: Google
Robert
1
Robert
schrieb am 08.09.2008 um 13:25 Uhr
Ein Google-Rant ohne kritischer Würdigung von "Knol - The Ultimate Made-For-AdSense Site"?

Wie das?

sistrix
2
schrieb am 08.09.2008 um 13:29 Uhr
Robert, bei Knol steht es jedem noch weitgehend frei, da mitzumachen. Auch sehe ich da nicht unbedingt, dass sensible Daten, wie Surfgewohnheiten, Gesundheitsdaten, usw personenzuordbar gesammelt werden.

Robert
3
Robert
schrieb am 08.09.2008 um 13:36 Uhr
Stimmt natürlich.

Ich sehe den Ansatz zur kritischen Würdigung für Knol etwas weiter, etwa wenn Google nach dem Motto "Quod licet Iovi non licet bovi" durchaus mal gescrapten mehrfach verfeinerten Text in den Index ohne Murren aufnimmt, sofern eben dadurch eigene Interessen gestützt werden.

Nicht, dass das irgendwie unverständlich wäre im Sinne der Betriebswirtschaft - aber beim erster Gatekeeper des Webs wäre mir ein wenig konsistentere Ethik lieber.

Hanspeter
4
Hanspeter
schrieb am 08.09.2008 um 13:38 Uhr
Johannes, endlich hat mal jemand, dessen Meinung weitestgehend als sachlich fundiert und respektabel gelten dürfte, die Kehrseite der Medaille angesprochen.

In deinem Beitrag zu Chrome (http://www.sistrix.de/news/792-google-chrome-open-source-browser-der-suchmaschine.html) habe ich ja bereits Google kritisiert und die Leute, die wie mit einem Brett vor dem Kopf in die Arme des Giganten laufen.

Vielleicht hört jetzt endlich die Beifallheischerei auf, die von den Ja-Sagern, den von Google abgerichteten Lemmingen, ausgeht und sich größter Beliebtheit erfreut.

Schlimm finde ich im Bezug auf deinen Artikel auch, dass es immer noch keine angesehenen Politiker gibt die wirklich Ahnung von der Materie haben. Prominentes Beispiel, wenn auch nicht unbedingt im direkten Zusammenhang mit Google stehend, ist unser Herr Schäuble. Aber das ist ja bekannt.

Es braucht Leute wie dich, die das ganze wirklich verstehen und die Gremien wachrütteln können. So lange wir von blinden Technik anti-affinen Leuten regiert werden, können solche Konzerne wie Google nicht in die Schranken gewiesen werden. Alle Hilfe kommt hier zu spät meine ich fast.

Andreas
5
schrieb am 08.09.2008 um 13:42 Uhr
Guter, lesenswerter Artikel. Es ist so wie es ist - und ich verstehe Google. Google ist ein Börsennotiertes Unternehmen, welches Gewinne einfahren muss. Gewinnmaximierung. Sie kommen mit immer neuen Produkten auf den Markt, die noch mehr Daten über uns sammeln - Google macht das, was ihr Geschäftszweck ist.

Wer nicht einschreitet sind wir - wir der Staat. Die Gesetze, die Vorstellungen was möglich ist, da hinken wir Jahre hinterher. Nur durch ein rigoroses DSG (und ähnliches) ist es möglich, dem Herr zu werden und alles wieder runterzubringen. Es liegt an uns, und den (gewählten) Regierungen...

Pelle Boese
6
schrieb am 08.09.2008 um 14:10 Uhr
Hanspeter, was soll die Regierung dabei tun? Soll man Unternehmen wie Google verbieten, nach mehr Gewinn zu streben? Dann müsste man zuerst das gesamte Börsensystem und die freie bzw. "soziale" Marktwirtschaft begraben. Vielleicht müsste mehr aufgeklärt werden von staatlicher Seite und Bewusstsein dafür geschaffen, wie wichtig der Datenschutz ist.

Solange jedoch jeder kriminelle Kleinstunternehmer beim Einwohnermeldeamt meine Daten bekommt, mache ich mir darum mehr Sorgen, als um das was Google macht. Denn darüber habe ich noch größtenteils selbst die Kontrolle.

sistrix
7
schrieb am 08.09.2008 um 14:16 Uhr
Mobile SEO, es ist ja schon seit langem so, dass der Gesetzgeber die "schwächere" Partei schützen will. Sei es beispielsweise beim Mieten einer Wohnung, wo der Mieter deutlich umfangreichere Rechte als der Vermieter hat, sei es durch so Sachen wie das Fernabsatzgesetz. Das ist eine Position, die ich mir prinzipiell auch stärker für den Datenschutz (im Internet) wünsche.

mssfldt
8
schrieb am 08.09.2008 um 15:35 Uhr
wir haben Google lange aktiv promoted, weil es "übersichtlich, sympatisch und nützlich" war - und vor allem: absehbar ein echter Konkurrent für den Monopolisten Microsoft. Die Vorzeichen haben sich geändert: Inzwischen ist Microsoft ein aussterbender Dino, und google ist der übermächtige Monopolist.
Die Frage ist: wann kommt der nette Konkurrent von google (klein, nett und wenigstens am Anfang nicht korrumpierbar)?

Allerdings finde ich auch, dass sich das Problem verschärft: während Microsoft sich eigentlich immer (öffentlich) gescheut hat, private Daten zu verwenden, betreibt google damit aktive Geschäftspolitik. Und die breite Masse scheints nicht zu stören. Im Gegenteil, ich befürchte, diese breite Masse findet es gut, wenn sie massgeschneidete Werbung vorgesetzt bekommt. Ist doch viel besser, wenn man statt peinlichen Binden-, Spülmittel- oder Kinderschoko-Werbung nur noch coole Auto-, Bier- und Rasier-Clips sehen kann ;-)

Pelle Boese
9
schrieb am 08.09.2008 um 16:25 Uhr
Johannes, klar, das wäre schön. Aber wie soll man das, gerade bei internationalen Konzernen, realisieren?

Seodeluxe
10
schrieb am 08.09.2008 um 16:50 Uhr
...und irgendwann kommt dann der Tag, wo Suchanfragen bei Google plötzlich Geld kosten (und meine Aktien in die Höhe schiessen), hrhr...

Markus
11
schrieb am 08.09.2008 um 18:26 Uhr
Wenn ich die Leute auf Google Mail anspreche, dann bezeugen viele ein wirklich grosses Unbehagen, weil Google Mail die Mails scannt. Aber Google Mail sei halt so praktisch, gut und bequem..........

Diese Bequemlichkeit ist der grösste Helfer von Google.

Ich finde Google immer noch die beste Suchmaschine und wünsche mir dass Google einfach nur die beste Suchmaschine bleiben würde. Wünschen darf man ja ..............

Expli
12
schrieb am 09.09.2008 um 00:59 Uhr
Schön zusammengefasst Johannes. Ich empfinde es ebenfalls als zunehmend beängstigend, welch unglaublich große Zahl an detaillierten Nutzerprofilen Google inzwischen besitzen muss. Andererseits ist es faszinierend, was zwei Studenten in nur 10 Jahren auf die Beine gestellt haben.

sistrix
13
schrieb am 09.09.2008 um 08:11 Uhr
Mobile SEO, Google hat ja auch kein Problem damit, Seiten, die in Deutschland nicht gesetzeskonform sind, aus den SERPs zu entfernen oder AdWords nach irischem Recht zu verkaufen. Ein EU-weiter Beschluss wär in der Sache sicherlich vorzuzuiehen, aber auch einen deutschen Alleingang sehe ich als machbar an.

Pelle Boese
14
schrieb am 09.09.2008 um 17:19 Uhr
Ich frage mich ja nur, wie genau diese Maßnahmen aussehen sollen.

sistrix
15
schrieb am 11.09.2008 um 08:48 Uhr
Zum Thema, inwieweit Google EU-Gesetzgebung unterliegt gerade http://www.intern.de/news/neue--meldungen/--200809104396.html">gelesen.

luzie
16
schrieb am 11.09.2008 um 16:38 Uhr
das eine sind 10 jahre datensammelwut ...

da ist aber noch mehr:

>>> Die Verlinkung von Webseiten als Grundlage für >>> das Ranking zu nehmen, war eine geniale Idee;

nun gut, ein taschenspielertrick, noch dazu geklaut, macht auch nichts, wirklich "genial" aber ist erst das, was folgt ...

>>> Google daraufhin recht schnell die „beste“
>>> Suchmaschine

ja, war!

nur gab's da leider bald den hype, die rückkopplung, die monopolstellung - und dann DIE IDEE, die eine wahre geniale idee: "lasst uns die website-betreiber erpressen, wir ranken sie, wie's ihnen gebührt, hinter kijiji und kokolores, rechts ist noch ein platzerl frei, wir verkaufen es teuer, teuerer, am teuersten, oben eine, zwei, morgen drei zahlende zeilen drangeheftet, niemand hindert uns übermorgen zehn daraus zu machen" ... jeder weiss worauf das hinaus will, wie der masterplan aussieht: "blecht oder verschwindet. und schon gehören netz und welt nur uns allein."

>>> ... alles Wissen der Welt [...] ordnen
>>> ... das Wissen besitzen

siehstuwohl, wie schnell das geht, vom ordnen zum besitzen ist es nur ein halbsatz, dabei weiss man gar nicht WAS sie denn nun besitzen sollen, sie rechnen sich fremdes einfach zu und machen geld daraus, die erfindung des wahren dukatenesels: vorne kostenloses stroh rein, hinten echtes gold raus. und sie machen sich jetzt munter daran, nicht nur unsere online-inhalte sondern gleich die gesamte weltkultur auszuplündern, scannen keilschrift, goethe und mark twain, um ihre geldspeicher immer weiter zu füllen ...

this IS evil :-(

NICHTS davon könnten sie sich leisten, zeigte sich doch endlich nur irgendwo konkurrenz. ersatzweise bitte auch kartellamt, gericht und subversion ...

-luzie-

Trackback - Jayan - 18.07.2011 11:45
YouÂ’ve got it in one. CouldnÂ’t have put it bteetr.


Kommentieren?

mehr
Die Kommentare für diesen Beitrag wurden geschlossen. Angemeldete Benutzer haben weiterhin die Möglichkeit, auch ältere Beiträge zu kommentieren. Jetzt kostenlos anmelden