Bezahlte Links, Spam und Fake-Accounts sind keine Erfindung der SEOs

13. Januar 2014, 14:14

Die ClaqueNeulich bin ich auf einen interessanten Wikipedia-Artikel gestoßen. Es zeigt sich, dass es professionelle Vorläufer von bezahlten Links, Spam und Fake-Accounts schon vor fast 200 Jahren gab. Um 1820 wurde in Paris von Monsieur Sauton bezahlten Applaus bei Theaterstücken und anderen öffentlichen Aufführung angeboten.

Eine Person, die gegen Entgelt klatschte, wurde Claqueur (frz. claquer „klatschen“) genannt. Die Gesamtheit der Claqueure in einem Theater wird „die Claque“ genannt. Ihre Aufgabe war die „Sicherstellung des dramaturgischen Erfolges“.

Es ist durchaus erstaunlich, wie groß die Spezialisierungsgrad der Claque im 19. Jahrhundert war, die im Jargon der Pariser auch “Ritter des Kronleuchters” genannt wurden. So gab es:

  • Chauffeurs (Heizer): Sie standen tagsüber vor den Ankündigungen und hatten das Stück vor den Umstehenden zu loben.
  • Chatouilleurs (Kitzler): Sie äußerten sich vor Anfang der Vorstellung und in den Pausen positiv über die Darbietungen.
  • Connaisseurs (Kenner): Sie hatten die Aufgabe, während der Vorstellung positive Bemerkungen fallen zu lassen.
  • Rieurs (Lacher): Sie hatten die Umsitzenden mit ihrem „spontanen“ Gelächter anzustecken.
  • Pleureurs (Heuler): Ihre Aufgabe war es, während rührender Szenen zu schluchzen.
  • Tapageurs (Aufsehenmacher): Sie hatten heftig zu applaudieren.
  • Bisseurs („Zugabe“-Rufer): Sie riefen nach der Vorstellung „Da capo“ und „Zugabe“.

Es ist hingegen nicht verwunderlich, dass ausgerechnet in diese Zeit die Geburtsstunde der Claqueure zu finden ist. Es war die Zeit, in der sich die Industrialisierung und die kapitalistische Wirtschaftsweise in Europa durchsetzten. Da sich der Erfolg einer öffentlichen Aufführung durch künstliche Publikums-Signale steigern lies, wurde daraus fast zwangsläufig eine professionelle Dienstleistung.

Auch in TV-Sendungen werden durch Laugh Tracks (auf Tonband aufgenommenes Lachen und Beifall) Zuschauer zum Mitlachen und zu mehr Begeisterung für die Show animiert. Die erste Lachkonserve wurde in der Hank McCune Show im September 1950 verwendet. Ebenfalls wird Studio-Publikum für diesen Zweck eingesetzt und vor der Sendung professionell „angeheizt“. In den 90er Jahren war die Nachfrage nach Warm-Uppern (Publikumsanheizern) mit dem Aufkommen zahlreicher Talk- und Gameshows enorm. „Da wurde jeder, der gerade ein Mikrofon in der Hand halten konnte, und einigermaßen gut ankam, herangezogen“, sagt Christian Oberfuchshuber, einer der gefragtesten deutschen Warm-Upper. Inzwischen ist der große Hype vorbei und es gibt noch eine Gruppe aus etwa zehn Warm-Uppern, die von diesem Beruf leben

Das gleiche Phänomen wiederholt sich im Internet. Nur die Art des Beifall-Spendens hat sich den Techniken des Mediums angepasst:

  • Bezahlte Links: Sie sollen eine redaktionelle Empfehlung vortäuschen und die Suchergebnisse bei Google durch die Vererbung von PageRank und die Verwendung von attraktiven Linktexten beeinflussen.
  • Linkschleudern: Hierbei handelt es sich um Websites, deren Hauptzweck darin besteht dort künstliche Links aufbauen zu können. Die bekanntesten Formen sind Webkataloge, Artikelverzeichnisse, künstliche Blogs auf Basis von Expired Domains und Social-Bookmarking-Plattformen wie einstmals Mister Wong. Hier nimmt der Fake zum Teil absurde Ausmaße an, so dass ausschließlich die Claque das gesamte Publikum „des (Internet-)Theaters“ bildet.
  • Bezahlte Bewertungen: Sie dienen dazu, die Bewertungsprofile z.B. von Shops, Amazon-Produkten, Google Places und Branchenbucheinträgen besser aussehen zu lassen. Ebenfalls gibt es den umgekehrten Fall, dass Wettbewerber ihre Konkurrenten gezielt negativ bewerten (Dissen). Die Studie „Fake It Till You Make It“ des Marketing-Professors Georgios Zervas, von der Boston University geht davon aus, dass mittlerweile 20 Prozent der Yelp-Bewertungen entweder von konkurrierenden Restaurants oder von bezahlten Rezensenten verfasst werden.
  • Spam- und Fake-Kommentare: Sie haben die Aufgabe eine Diskussion in die gewünschte Richtung zu lenken, werbliche Effekte und wurden vor ein paar Jahren (als es noch gut funktionierte) gerne genutzt, um auf einfache Weise künstliche Links zu erzeugen.
  • Forenspam: Sie haben grundsätzlich die gleiche Aufgabe wie Spam- und Fake-Kommentare, nur dass man sie in Foren uns Frage-und-Antwort-Portalen anstatt in Gästebüchern findet.
  • Gekaufte Freunde: Sie dienen dem Zweck für ein Social-Media-Profil beispielsweise bei Facebook, Twitter oder Google+ durch eine hohe Anzahl von Freunden oder Fans eine statistisch größere Bedeutung vorzutäuschen.
  • Fake-Accounts: Sie werden im Netzjargon auch Sockenpuppe genannt und dazu benötigt, um Spam- und Fake-Beiträge abzusetzen. Weitestgehend automatisiert und in Massen gezüchtet werden sie auch in Tausender-Paketen als „Freunde“ verkauft.

Die Bekämpfung von Fake und Spam ist für alle Internet-Angebote überlebenswichtig, deren Mehrwert hauptsächlich über die Darstellung und Auswertung von Meinungen, Bewertungen sowie Nutzersignalen generiert werden. Wirksame Spam-Filter sind ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Google gelingt es mit zunehmendem Erfolg durch die Auswertung weiterer Daten die Internet-Claqueure zu entlarven und deren Signale auszufiltern. Dabei ist es sicherlich hilfreich, wenn man nicht nur über die Suchdaten der erfolgreichsten Suchmaschine, sondern mit Google Chrome über einen sehr weit verbreiteten Browser verfügt und mit Android eines der beiden führenden Betriebssystem für mobile Geräte besitzt. Auf diese Weise lassen sich viele Daten für wirksame Filter sammeln, die den meisten Wettbewerbern fehlen.

Anbieter wie Yelp werden durch neue Dienste wie Foursquare herausgefordert, die über wirksamere Fake-Filter in Form eines Check-in vor Ort und umfangreiche Profildaten verfügen.

Auch wenn es sich bei dem Rennen „Fake versus Fake-Filter“ um ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel handelt, gibt es doch deutliche Anzeichen, dass im Bereich der Suchmaschinenoptimierung Fake und Spam ihren Zenit überschritten haben und langsam außer Mode kommen, so wie auch die Claqueure im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts wieder außer Mode kamen. Ein Blick auf die Gewinner und Verlierer im SISTRIX Sichtbarkeitsindex des letzten Jahres unterstreicht diesen Gedanken.

Im Zuge diese Entwicklung wird sich hoffentlich auch der Ruf der SEO-Branche bessern, die über wesentlich mehr Aufgaben, Werkzeuge und Tätigkeiten verfügt, als nur Fake und Spam zu verbreiten. Eine suchmaschinenfreundliche und barrierefreie Gestaltung von Websites sowie eine marktorientierte Ausrichtung des Contents auf die Nachfrage der Nutzer von Suchmaschinen hilft das Web besser zu machen, nicht schlechter. Diese positive Seite von SEO wurde in der Öffentlichkeit manchmal übersehen.

Gleichwohl wird das Netz nie frei sein von Spam und Fake, so wie uns auch Laugh Tracks in TV-Sendungen weiterhin begleiten werden. Ihre Verbreitung wird immer stark davon abhängen, wie wirksame die gegen sie verwendeten Filter in den jeweils einzelnen Bereichen arbeiten, wie lukrativ es ist, solche Filter anzubieten und wie lukrativ es ist, diese Filter wiederum zu umgehen.

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

 
  13. Januar 2014, 14:25

…das mit den bezahlten Claqueuren wird auch als trefflich als Beispiel für das Vorgaukeln von Erfolg und Gefallen in Robert B. Cialdini’s Buch „Die Psychologie des Überzeugens“ genannt. Im Kern trifft es genau die Sache – indem man vorgaukelt, dass etwas gut ist, gehen andere ebenfalls davon aus, dass es gut ist. Hier kommt der menschliche Herdentrieb zum Tragen, der natürlich nicht bei allen Leuten funktionert – aber bei ziemlich vielen.

 

[…] Post bei Sistrix, wobei ich mich da vor allem auf die erste Hälfte des Posts beziehe. Es geht um bezahlte Links, Spam und Fake-Accounts und darin wird auf Claquere […]

 
  15. Januar 2014, 22:08

Das gab es in ähnlicher Form schon früher, zu Martin Luthers Zeiten, Anfang des 16. Jahrhunderts, als die ersten Blogger geboren wurden und die Menschen, die breite Masse, lesen lernten. Zum ersten Mal war es möglich Ideen in Masse zu drucken und über fahrende Buchhändler in alle Teile des Landes zu vertreiben oder eben an Kirchentüren anzuschlagen. In Halle stand damals eine rießige Druckmaschine, die Gegenmeinungen (Kommentare) schnell drucken konnte. Es gab damals schon Spam-Autoren, Fake-Accounts und vermeintliche Zustimmung von Autoren, die nicht existierten. Ohne diese Drucktechnik und Kommentartechnik hätte es die Reformation nicht gegeben.

Viele Grüße

Christian Geng
Redaktion Frühnachrichten

 
  16. Januar 2014, 16:28

Interessanter Beitrag. Dein Artikel ließe sich vermutlich mit vielen weiteren Beispielen weiterführen.
In Westafrika soll es beispielsweise üblich sein, professionelle „Heuler“ für den Besuch bestimmter Beerdigungen zu bezahlen. Vor Ort werden so die Gäste der Beerdigung zu Gefühlsausbrüchen animiert. Dadurch soll quasi zum Ausdruck kommen, wie beliebt der Verstorbene war und wie sehr um ihn getrauert wird.

 

[…] Es zeigt sich, dass es bereits vor 200 Jahren professionelle Vorläufer von bezahlten Links, Spam und Fake-Accounts gegeben hat, wie Hanns Kronenberg am vergangenen Montag in einem Beitrag aufzeigte. So gab es um 1820 in Paris bezahlten Applaus bei Theaterstücken und anderen öffentlichen Angeboten, initiert von Monsieur Sauton. Kronenberg bringt einige weitere interessante Vergeliche und Beispiele. Anschließend beschreibt er das gleiche Phänomen im Internet, in der sich lediglich die Art des Beifall-Spenders an die Technik des Mediums angepasst hat. Hierbei wird deutlich, dass gerade die Bekämpfung von Fake und Spam für alle Angebote im Internet überlebenswichtig ist. Im ständigen Katz-und-Maus-Spiel gibt es genügend Anzeichen dafür, dass im Bereich SEO „Fake und Spam ihren Zenit überschritten“ haben: “Bezahlte Links, Spam und Fake-Accounts sind keine Erfindung der SEOs“. […]

 
  21. März 2014, 07:05

Ist Google wilklich so gut??? um dies herauszufiltern??

 

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