Die italienischen Suchergebnisse spielen verrückt!

Timo Schwarze
Timo Schwarze
8. Februar 2019
Timo Schwarze
Timo Schwarze
Wann immer etwas gute Worte verdient oder eine Geschichte erzählt werden kann, ist Timo zur Stelle. Er liebt es, umfangreiche Daten in spannenden Content zu verwandeln.

Von Zeit zu Zeit stoßen wir auf wirklich außerordentliche Dinge in unseren Daten. Vor einigen Tagen war es wieder so weit und gestern herrschte dann Gewissheit: Seltsame Dinge gehen vor sich in der italienischen Google-Suche. Ein Erklärungsversuch.

In den italienischen Suchergebnissen passieren zur Zeit merkwürdige Dinge. Webseiten von Behörden und Unternehmen legen plötzliche Sichtbarkeits-sprünge hin und ranken fast schon systematisch für irrelevante Adult-Keywords.

Behörde rankt für »heiße Datingchats«

Als wir uns, wie in Deutschland auch, den italienischen SEO-Gewinnern und -Verlierern des vergangenen Jahres widmeten, fiel uns auf, dass gleich mehrere Webseiten ihre Sichtbarkeit kurz, aber drastisch steigerten – ganz ohne erkennbare Gründe und wichtiger noch: für völlig themenfremde Keywords.

So passiert bei der Webseite der italienischen Behörde für regionale Angelegenheiten und Autonomien:

Sichbarkeit mehr als vervierfacht: Die Webseite des Dipartimento per gli Affari regionali e le Autonomie.

Aus dem Nichts tauchte die Webseite der italienischen Behörde für zahlreiche Keywords aus der Erwachsenenunterhaltung in den Suchergebnissen auf:

Den Nicht-Muttersprachlern übersetzen wir hier einige Suchbegriffe, für die die Behördenwebseite neuerdings rankt:

  • Jugen Frauen Dating-Anzeigen
  • Treffen für Erwachsene
  • Fotos von ausländischen Frauen
  • Dating-Frau sucht Mann
  • Single Boy

Gehackt?

Nun ist es nichts neues, dass hin und wieder Webseiten gehackt werden und plötzlich für Dating- und Erotik-Keywords in den SERPs auftauchen. Und das war auch unsere erste Vermutung.

Im Zuge unserer Recherche haben wir jedoch festgestellt, dass die Webseite nicht nur nicht gehackt wurde, sondern auch nicht die einzig betroffene war.

Und hier wird die ganze Geschichte eigentlich erst interessant…

Denn: Gehackte Webseiten in den Google-Suchergebnissen sehen anders aus. Sie enthalten in der Regel die manipulierten Keywords im Title, im Snippet, im Quellcode oder sonst wo – jedenfalls irgendwo.

Der treue SISTRIX Leser erinnert sich vielleicht an den Fall eines australischen Golfclubs, der gehackt wurde:

Die gehackte Webseite des australischen Golfclubs »Barwon Head« in den SERPs.

Wenn ein australischer Golfclub also im deutschen SERP-Snippet davon redet, tschechische Frauen zu vermitteln, dann kann man durchaus von einer gehackten Webseite sprechen.

Das trifft auf die italienischen Suchtreffer aber überhaupt nicht zu. Klar war, dass wir uns das einmal etwas genauer ansehen mussten.

Wir fanden dann erstaunlich viele Fälle von Webseiten, die enorm hohe Zugewinne an Sichtbarkeit in der italienischen Google-Suche hatten, weil sie für Suchbegriffe aus der Erwachsenenunterhaltung rankten.

Sichtbarkeitsindex: Tecno Casa Group

So zeigten unsere Daten, dass die Webseite der aus der italienischen Fernsehwerbung bekannten Tecno Casa Group für 148 Keywords,
die das Wort »Frauen« enthalten, in den Suchergebnissen ausgespielt wird.

Das Unternehmen verkauft, vermietet und vermittelt Wohnungen und Häuser! Anzeichen auf einen Hack konnten wir auch hier nicht finden.

Die ausgespielten Suchtreffer der Tecno Casa Group, die in den SERPs zum Suchbegriff »piccanti« (scharf, heiß) erscheinen, beinhalten das spezifische Keyword weder im Titel noch im Quellcode oder im Cache. Eine einfach site-Abfrage macht das deutlich:


Kein Einzelfall

Nicht nur die Tecno Casa Group oder die erwähnte Behörde wurden zu entsprechenden Keywords ausgespielt. Es scheint, als spielen die italienischen SERPs flächendeckend verrückt.

Auch Webseiten von Banken und Museen werden bis heute besonders häufig für Adult-Keywords in den Suchergebnissen ausgespielt.

Wir haben dann unser gutes altes VPN angeschmissen und im ersten Schritt die italienische Google-Suche gezielt auf klassische Keywords untersucht, denen gehackte Webseiten normalerweise zum Opfer fallen.

Und siehe da: Für das Keyword »annunci incontri piccanti« (frei übersetzt: Erotische Datinganzeigen) erscheinen völlig irrelevante Webseiten:

Die in der Grafik rot markieten Suchergebnisse sind Webseiten von Universitäten, News, Verlagen oder Steuerberatern und Banken, die Google für »Erotische Datinganzeigen« ausspielt.

Man stelle sich die italienischen Nutzer*innen vor, die eine(n) Partner*in suchen, aber immer und immer wieder diese frustrierenden Ergebnisse von Behörden und Universitäten präsentiert bekommen – selbst dann, wenn die Suchphrase geändert wird:

Denn auch für die oben genannten Suchen werden ganz ähnliche Ergebnisse ausgespielt. Die Treffer-Webseiten kommen dabei aus den unerotischsten Bereichen überhaupt:

  • Regierungseinrichtungen (turismopiemonte.it, aeronautica.difesa.it)
  • Universitäten (unito.it, unife.it)
  • Banken (emilbanca.it)
  • Immobilienagenturen (casa.it, tecnocasagroup.it)
  • Museen (museodiroma.it museocasaldepazzi.it)
  • Nachrichtenportale (ansa.it, tgcom24.mediaset.it)


Die italienischen Suchergebnisse spielen verrückt! Die hier gezeigten Beispiele sind nur einige von vielen. Die SERPs befinden sich natürlich auch an der Adria in einem stetigen Wandel und unterliegen Tests wie in jedem anderen Markt auch – aber irgendetwas stimmt da gerade ganz gewaltig nicht.

Manipulation der Google-Suchergebnisse?

Hat Google ein technisches Problem? Liegt das Problem überhaupt bei der Suchmaschine oder werden hier möglicherweise die Ergebnisse manipuliert?

Eine Möglichkeit der Manipulation, wie es unser italienischer Leser Martino Mosna bereits im italienischen SISTRIX Artikel kommentiert hat, wäre, die betroffenen Seiten zu kopieren und so neu aufzusetzen, dass Google für einen begrenzten Zeitraum – zwischen den Crawls – nicht genau weiß, ob Kopie oder Original ranken soll. Der zum richtigen Zeitpunkt veränderte Inhalt der Kopie wird derweil dem Original zugeordnet und sorgt dafür, dass die Treffer so zustande kommen. Präziser wollen wir den Vorgang an dieser Stelle nicht beschreiben und bitten um dein Verständnis.

In den vorliegenden Fällen ist ein Test seitens Google Italien aus vielen Gründen unwahrscheinlich – zu flächendeckend werden völlig irrelevante Ergebnisse ausgespielt.

Den italienischen Artikel Google confonde le SERP liest du auf unserem italienischen SEO-Blog.

Was denkst du darüber?



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Kommentare
Tim   
8. Februar 2019, 13:35

Das ist auch seit längerem schon in anderen Ländern der Fall (u.a. habe ich es vor einigen Monaten auch in Dänemark beobachtet, ist dort auch immernoch nicht gelöst). Mein Verdacht damals war, das es mit einem speziellen Link zusammenhing, denn alle Seiten die von dieser Webseite (große Tageszeitung) an der gleichen Stelle verlinkt waren, fingen plötzlich an für Adultterme zu ranken.

Frank   
8. Februar 2019, 15:47

Ich habe mir die fraglichen Erotik-Rankings für das Museodiroma gerade im zeitlichen Verlauf angeschaut. Sowohl die als auch das andere Beispiel mit der Immoseite hat derartige Rankings seit ca. 07/2018 immer wieder in google.it. Interessanterweise aber auch immer wieder mit wechselnden URLs. Scheint schubweise zu passieren …

Nico   
9. Februar 2019, 11:21

Spielt da jemand mit crossdomain-canonicals möglicherweise? 🤓😎

Annaa   
11. Februar 2019, 12:04

So was passiert wirklich nicht nur in den italienischen Suchergebnissen. Leider

Annette   
14. Februar 2019, 13:19

Das ist wirklich interessant, bitte berichtet mehr darüber! Linktexte alleine können sowas doch nicht bewirken, oder? Vielleicht wirklich Crossdomain-Canonicals?

Torsten   
22. Februar 2019, 12:09

Der erste Kommentar im italienischen Blog ist sehr aufschlussreich:

https://www.sistrix.it/blog/google-confonde-le-serp/

Klingt für mich schlüssig. Gleich mal testen. 😉

Hajo Springmann   
25. Februar 2019, 16:11

Es ist doch schön, dass auch SEO lustig sein kann 😉
@Tim da ich gerne mehr über die Anomalien von Google lernen möchte, gibt es darüber Berichte Artikel o.ä.?

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