Was denkt eigentlich Google?

Johannes Beus
Johannes Beus ist Gründer und Geschäftsführer von SISTRIX.
25. Oktober 2012 16 Kommentare

Heute findet in Köln der SEO-Day statt. Konnte ich Nachwuchsbedingt letztes Jahr leider nicht teilnehmen, gibt es dieses Jahr keine neuen, kleinen Sistrixe und ich bin in Köln. Unter anderem halte ich dort einen Vortrag zum Thema „Was denkt eigentlich Google?“. Für alle, die es nicht nach Köln geschafft haben, möchte ich die Kerngedanken hier im Blog festhalten.

Google erhöht seit einiger Zeit die Takt-Frequenz für uns SEOs massiv: eine fast allumfassende Transparenz erschlägt uns regelrecht, Matt Cutts tritt mit seinen „Minor Weather Reports“ als Wetterfee auf, Google-Updates mit lustigen Tiernamen scheinen fast im Wochenrhythmus zu erscheinen und das Aussehen der SERPs ändert sich sowieso kontinuierlich. Es gibt nun zwei Möglichkeiten um damit umzugehen: entweder fällt man in die von Google produzierte Hektik ein und kennt nach ein paar Wochen mit täglich neuen Aufgaben seinen eigenen Namen nicht mehr oder aber man versucht zu verstehen, vor welchem Hintergrund Google so handelt und passt seine eigene Strategie entsprechend an. Wenig überraschend plädiere ich für die zweite Option. Für den Vortrag habe ich drei Probleme, vor denen Google aktuell steht, aufgeschrieben, Googles Umgang mit ihnen aufgezeigt und mit einem Wechsel in die Google-Perspektive die Auswirkungen auf SEO versucht zu verstehen.

1) Links als Basis-Technologie ausgereizt
Der Google-Algorithmus basiert seit mehr als 10 Jahren maßgeblich auf Links. Wie das leider so häufig ist: Qualitätssprünge sind am Anfang noch relativ einfach, werden aber zunehmend schwieriger und die Verbesserungsmöglichkeiten immer geringer. Leider hat Google auf absehbare Zeit das Problem, dass kein adäquater Ersatz für Links zur Verfügung steht – Google wird also noch geraume Zeit mit dieser Technologie leben müssen. Das heißt aber auch, dass Google das Rennen um die Qualität des Link-Graphs gegen die SEOs auf keinen Fall verlieren darf. Hat Google lange versucht, diesen Kampf durch das übliche technologische Vorgehen zu gewinnen, ist seit einiger Zeit ein Paradigmenwechsel zu beobachten: Google droht, verunsichert und bietet seltsame Tools an. Das ist alles kein Zeichen für eine souveräne Position, sondern zeigt recht deutlich, dass Google keine anderen Optionen hat. Behält man dies im Hinterkopf und weiß, dass Google sowieso keine Lösung braucht, die einen zu 100% sauberen Link-Graphen garantiert, ist die Lösung für SEOs relativ einfach: sei etwas besser als die Mehrheit beim Linkbuilding und die Chance, die nächsten Jahren ohne Probleme zu überstehen ist relativ hoch.

2) Gewinn- und Wachstumserwartungen
Google ist einer der Börsen-Superstars. Die negative Folge dieses Status ist, dass alle 3 Monate glänzende Quartalszahlen erwartet werden. In einem Unternehmen, bei dem über 90% des Gewinns aus AdWords und AdSense generiert werden und das in vielen Ländern mehr als 90% Marktanteil hat, sind Wachstumsmöglichkeiten natürlich begrenzt. Die naheliegende Reaktion von Google ist es, neue Märkte und Geschäftsfelder zu entwickeln. Es ist recht offensichtlich, dass Google nach der Dominanz in der horizontalen Suche jetzt lukrative vertikale Bereiche angeht. In den USA ist Google derzeit im Reisemarkt ziemlich aktiv und zeigt, was möglich ist. Für SEOs stellt das ein deutliches Problem dar: war Google früher noch recht unbeholfen in seinen Vorstößen, hat sich die Qualität von Produkt und Auftritt in der letzten Zeit massiv verbessert. Mit einem Google Hotelfinder oder einer Google Flugsuche wird auf Dauer niemand erfolgreich in den SERPs konkurrieren wollen.

3) Wettbewerbsbehörden
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die amerikanischen Wettbewerbshüter von der FTC derzeit ein Verfahren gegen Google vorbereiten: die Jobangebote der Behörde sprechen einfach für sich. Für Google wäre so ein Verfahren ein größeres Problem. Unabhängig vom Ausgang lähmt es die ganze Firma über Jahre und verschafft dem Wettbewerb wie Facebook somit deutliche Vorteile. Google ist aktuell also reichlich bemüht, die Anschuldigungen bereits im Vorfeld auszuräumen. Die Waffe der Wahl scheint dabei eine Art Pseudo-Transparenz zu sein. Seit geraumer Zeit bombardiert Google Webmaster und SEOs mit Informationen zu Änderungen: so wissen wir zum Beispiel, dass Google im August Änderungen an Routenvorschlägen via Google Maps in der Türkei gemacht hat. Die wirklich relevanten Informationen fehlen jedoch: an welchen Stellschrauben des Algorithmus dreht Google bei den wichtiges Updates? Für SEOs ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass sie nicht der eigentliche Empfänger der neuen Google-Offenheit sind. Google möchte Wettbewerbsbehörden beschwichtigen, nicht aber den bösen SEOs helfen. Das Fazit: die neue Google Doktrin der Pseudo-Transparenz also durchaus zur Kenntnis nehmen, wenn Zeit über ist, auch mal etwas davon lesen, dem Inhalt aber nicht zu viel Bedeutung beimessen.

25. Oktober 2012, 15:05

Sehr interessante These (Punkt 3). Könnte stimmen, muß aber nicht. Auf jeden Fall wird es interessant, wo das ganze noch hinführt.

Grüße
Franz

25. Oktober 2012, 15:31

Hallo Johannes,

erst einmal danke, dass du deinen Vortrag hier auch in schriftlicher Form dargelegt hast. Deine Ausführungen zu Punkt 1 finde ich interessant. Meiner Ansicht nach, teste Google derzeit alternative Modelle der Bewertung und Reputation einer Webseite zum Beispiel durch AuthorRank oder die Bewertung von Brands. Ich denke auch nicht, das der Backlink als Teil der Reputation einer Webseite wegfällt, aber ich denke, das die Kraft des Rankingfaktors „Backlink“ in nächster Zeit zumindest etwas leiden wird.

Es ist doch eindeutig, das Google Brand deutlich mehr Spielraum lässt und auch das Autoren durch die Nutzung der Google+ Verlinkung massiv gestärkt werden. All das deutet für mich darauf hin, dass Google an einer Alternative zu der Klassischen Bewertung einer Webseite durch die Anzahl guter Backlinks feilt. Wie das letztendlich aussieht, sei mal dahingestellt.

Grüße
Micha

tobi
25. Oktober 2012, 22:02

Menschen haben es sehr leicht, manipulierte Backlinkprofile zu erkennen. Das erkennen Menschen sofort.

Solange der Algorithmus nicht in der Lage das, dieselben offensichlichen Manipulationen zu erkennen, gibt es sehr wohl noch eine Menge Verbesserungspotential.

Der Unterschied zwischen Mensch und Google ist sogar derart gravierend dass man wohl davon ausgehen muss, dass Google sich absichtlich zurückhält. Es scheint davon zu profitieren.

Henrik
26. Oktober 2012, 09:14

Wären Google´s Methoden wirklich transparent würde dies einigen SEO´s die Existenzberechtigung entziehen. Zumindest was die Onpage Optimierung angeht gäbe es dann wohl eine „Standard Vorgehensweise“, die praktisch jeder umsetzen könnte. Somit liegt es ja nicht nur in Google´s Interesse die Ranking Faktoren nicht preis zu geben.

26. Oktober 2012, 11:30

Interessante Ansätze, denen ich „eigentlich“ voll und ganz zu stimmen kann. Wo ich mir noch etwas unsicher bin, ist das eigene Produktangebot von Google. Schließlich gibt es in den angepeilten Bereichen genügend Brands, die sich über Jahre eine gute Reputation erarbeitet haben und auch in den Köpfen der Menschen sind. Und ganz ehrlich: Wenn ich ein Hotel buchen möchte, gebe ich direkt im Browser oder bei Google Trivago oder Holidaycheck (soll jetzt keine Werbung sein :)) oder auch andere bekannte Webseiten ein und gehe den Weg auch direkt dort hin. Zumal diese auch Adwords schalten und somit zumindest für die eigenen Brands immer auf Platz 1 stehen.

26. Oktober 2012, 13:11

… sehr schön geschrieben 🙂 Sorry, aber nichts wirklich Neues!

26. Oktober 2012, 16:29

vielen Dank für die Veröffentlichung des Beitrages. Der Riese ist doch nur am Testen, nicht verunsichern lassen, qualität wird sich langfristig immer bezahlt machen.

26. Oktober 2012, 19:54

Ich schließe mich Michael an und denke, dass AuthorRank einer der aussichtsreichsten Nachfolger des linkbasierten Modells sein könnte. Es ist als Bewertungsgrundlage nicht perfekt, aber zumindest in der Breite weniger anfällig für Manipualtion. Die Frage ist, wie lange die Übergangszeit dauern wird.

27. Oktober 2012, 17:57

Vielen Dank für den Vortrag auf dem SEO-Day und für diesen Artikel. Google verfügt eben über die Marktmacht, verfügt allerdings nicht über das beste Suchwerkzeug. Die Zukunft der Suchmaschinen sollte in der semantischen Suche liegen. Da macht die Firma SEMPRIA aus Düsseldorf, eine ausgezeichnete Suche, allerdings ohne Marktmacht.

28. Oktober 2012, 09:12

Erstmal danke für den höchst interessanten Artikel und die Erkentnisse das man nicht gleich bei jeder Google Nachricht nervös werden soll.
Mit diesen Tatsachen behauptet sich doch wieder die alte Weisheit – „Content is king“ weniger auf Linkaufbau acht geben und mehr gute Inhalte liefern, dann kann mit der Listung nicht alles schief gehen.

Stefan
29. Oktober 2012, 10:35

Danke für den Artikel und den Vortrag auf dem SEOday. Ich fand den Vortrag am interessantesten von allen, da er einfach einen anderen Blick auf die SEO-Welt bietet.
Durch diese Brille sehen sicher nur die wenigsten SEOs.

29. Oktober 2012, 11:27

Das klingt alles sehr glaubhaft. Der kleine SEO muss also nicht jede Google Veröffentlichung in sich aufsaugen und die Aktie könnte ihr Topp gesehen haben.
rp

29. Oktober 2012, 15:38

„sei etwas besser als die Mehrheit beim Linkbuilding und die Chance, die nächsten Jahren ohne Probleme zu überstehen ist relativ hoch“

Das ist für mich der zentrale Satz. An freiwilliger Verlinkung habe ich meine Zweifel, insbesondere bei kleineren Nischenseiten, selbst wenn es toller Content ist.

31. Oktober 2012, 11:57

Hallo Johannes,

danke für deinen Beitrag zum SEO Day. Sehr gelungen, vor allem die geopolitischen Aspekte. Deine Slideshow sollte niemand verpassen. Habe das mal in ein Blogposting aufgekommen.

Viele Grüße – Marius

7. Oktober 2013, 10:50

In dem SEO Punkten bin ich der selben Meinung, aber im Punkt der Aktienberwetung eher nicht. Die Google – Aktie hat noch einen langen weiten Weg nach oben vor sich!
MfG T.Pump

7. Oktober 2013, 10:51

In dem SEO Punkten bin ich der selben Meinung, aber im Punkt der Aktienbewertung eher nicht. Die Google – Aktie hat noch einen langen weiten Weg nach oben vor sich!
MfG T.Pump