Lange galt ChatGPT als die Speerspitze der KI-Systeme. Als erstes großes Produkt am Markt und mit Google, die gerade zu Beginn nicht in die Gänge kamen, hatten sie sich diesen Titel auch verdient. Warum sich das gerade ändert und warum Google am Ende doch gewinnt, habe ich für den OMT Summit in Düsseldorf aufbereitet und hier als Blogbeitrag zusammengefasst.
Im Dezember 2022 wurde bei Google der „Code Red“ ausgerufen. Das öffentliche Narrativ war eindeutig: Google steckt im Innovator’s Dilemma und wird durch die aufkommende „Answer Engine“ ChatGPT obsolet. Drei Jahre später, im Dezember 2025, hat sich das Blatt drastisch gewendet. Interne Memos bei OpenAI warnen nun vor einem „Code Red“, da das Wachstum von ChatGPT stagniert, während die Infrastrukturkosten explodieren.
Um jenseits der Schlagzeilen zu verstehen, wie Google diesen Vorsprung zurückerobert hat, muss man die Entwicklung an drei entscheidenden Säulen messen: der Nutzung (Wer hat den Zugang?), der Ökonomie (Wer kann es sich leisten?) und der Integration (Wer besitzt die Daten?).
Aber auch wenn Google das KI-Rennen gewinnt, bleibt doch nicht alles beim Alten. Schon heute hat die Integration der AI Overviews die Klickraten in Deutschland um bis zu 60% reduziert. Wer jetzt sichtbar bleiben möchte, muss nicht nur technisch optimieren, sondern vor allem Inhalte schaffen, die relevant sind.
Nutzung: Der Kampf um den Zugang
Der Erfolg in der KI-Suche entscheidet sich maßgeblich über den direkten Zugang zum Nutzer. Google dominiert das Feld vor allem deshalb, weil die AI Overviews bzw. der AI Mode nahtlos in die normale Suche integriert sind. Während Wettbewerber mühsam versuchen, neue Gewohnheiten zu etablieren, holt Google die Nutzer in ihrem gewohnten Suchverhalten ab. Auch die Traffic-Daten zeigen hier eine klare Tendenz:
- Webtraffic-Wachstum: Während ChatGPT bei rund 6 Milliarden monatlichen Visits stagniert, hat sich der Traffic von Gemini im zweiten Halbjahr 2025 verdreifacht.
- Android-Integration: Gemini profitiert von der Vorinstallation auf neuen Android-Handys und automatischen Updates auf älteren Geräten, während ChatGPT aktiv installiert werden muss.
- Nutzerbasis: AI Overviews in den Suchergebnissen erreichten Mitte 2025 bereits über 2 Milliarden monatliche Nutzer.
Dass Google über diese 2 Milliarden AI-Nutzer so selten spricht, hat übrigens weniger mit vornehmer Zurückhaltung zu tun als vielmehr mit Wettbewerbsbehörden und Regulierung. - AI Mode: In den USA und Indien nutzen bereits über 100 Millionen monatlich aktive Nutzer den dedizierten KI-Modus der Google-Suche.
Der Google AI Mode ist aus dem Stand rund dreimal so relevant geworden wie die spezialisierte AI-Suchmaschine Perplexity.
Ökonomie: Der massive Kostenvorteil
Viel schwerer als der Kampf um den Zugang zu den verschiedenen Systemen wiegt der schlichte Kostenvorteil. Sowohl bei der technischen Infrastruktur als auch bei der Datenbeschaffung besitzt Google Vorteile, die für OpenAI derzeit unüberwindbar wirken.
- Hardware-Vorteil: OpenAI nutzt primär NVIDIA-GPUs in Microsoft Azure-Rechenzentren, wobei NVIDIA Bruttomargen von 70% bis 80% erzielt. Diese GPUs müssen nicht nur teuer extern eingekauft, sondern auch betrieben werden.
- Eigene Infrastruktur: Google setzt auf eigene TPUs, die fast zu Herstellungskosten betrieben werden und deutlich energieeffizienter sind.
Diesen Kostenvorteil nutzen inzwischen auch externe Unternehmen (Anthropic mit Claude AI, Midjourney) und setzen zunehmend auf Googles Hardware. - Datenbeschaffung: Während OpenAI teure Verträge mit Verlagen schließen muss, nimmt sich Google als Trafficlieferant Daten seit jeher kostenlos.
In der Summe wird aktuell von einem 3- bis 5-fachen Kostenvorteil zugunsten von Google ausgegangen.
Die finanziellen Herausforderungen von OpenAI sind massiv. Laut aktuellen Prognosen wird OpenAI gegenüber früheren Schätzungen nochmals deutlich mehr Geld benötigen: In Summe sind es 111 Milliarden US-Dollar bis 2030. OpenAI ist inzwischen sogar so weit, den nach eigenen Angaben „letzten Ausweg“ zu nutzen und Werbung in ChatGPT zu integrieren.

Integration: Der unüberwindbare Ökosystem-Vorteil
Neben Nutzung und Ökonomie ist die Integration die dritte, oft übersehene Dimension. Hier zeigt sich Googles wahrer struktureller Vorteil: Gemini ist bereits nativ in nahezu alle Google-Produkte integriert, von Gmail und Google Docs & Sheets über YouTube und Google Photos bis hin zu Kalender und Maps.
Diese tiefe Integration in den Alltag von Milliarden Nutzern ist für OpenAI praktisch unmöglich nachzubilden. Während Gemini dort bereits „einfach da“ ist, wo die Menschen arbeiten und kommunizieren, ist die Anbindung von ChatGPT an das Google-Ökosystem ein administrativer Kraftakt (wenn man es denn darauf anlegt). Allein der „Admin-Managed Setup“ für Google Workspace erfordert über 30 manuelle Schritte, die Freischaltung diverser APIs (Drive, Activity, Admin SDK) und komplexe technische Konfigurationen in der Google Cloud Console. Für die breite Masse ist das keine realistische Option.
Zusätzlich wird dieser Vorsprung durch den Apple-Deal zementiert: Apple nutzt Gemini als technologische Basis für künftige „Apple Intelligence“-Features und eine personalisierte Siri. Damit sichert sich Google den Zugriff auf das nächste große Hardware-Ökosystem, während OpenAI faktisch ausgeschlossen bleibt.
Google gewinnt: Was dieser Plattform-Sieg bedeutet
Die Überlegenheit in den Bereichen Nutzung, Ökonomie und Integration führt zu einem eindeutigen Ergebnis: Google gewinnt den Kampf um die Vorherrschaft als KI-Plattform. Google besitzt den Zugang zum Nutzer, die effizienteste Hardware und die tiefste Datenintegration.
Doch für Website-Betreiber und SEOs ist dieser Sieg ein zweischneidiges Schwert. Dass Google gewinnt, bedeutet nicht, dass für Publisher alles beim Alten bleibt. Im Gegenteil: Der Sieg der Plattform Google geht zulasten des klassischen Klicks.
Denn trotz des Sieges von Google über die „neuen“ Suchsysteme ändert sich für die organische Suche fast alles. Die Verbreitung von AI Overviews hat massive Auswirkungen auf die Klickraten (CTR).
- Verbreitung: In den deutschsprachigen Suchergebnissen (SERPs) werden bei gut 20% aller Keywords AI Overviews ausgespielt.
- Klickverlust auf Position 1: Während im Durchschnitt über 27% der Suchenden auf den ersten organischen Treffer klicken, sind es bei einer Suche mit AI Overview nur noch 11%. Dies entspricht einem Klickverlust von fast 60% auf der Spitzenposition.
- Gesamtmarkt: Eine durchschnittliche Suche führt in 57% der Fälle zu einem Klick; bei einer Suche mit AI Overview sinkt dieser Wert auf 33%.
- Summeneffekt: Für den deutschen Markt bedeutet dies einen Verlust von etwa 265 Millionen organischen Klicks pro Monat.
Zwar generieren die KI-Übersichten laut Google insgesamt etwa 10% mehr Suchanfragen, doch der organische Klick pro Suche wird seltener.

Strategische Konsequenzen für SEO
Die Suche wird vielfältiger und um in diesem Umfeld weiterhin erfolgreich zu sein, ist eine (angepasste) Umstellung der Strategie wichtig. Wer organische Klicks erhalten möchte, muss künftig mehr liefern:
- Einzigartigkeit: Inhalte müssen in allen Formaten (Text, Bild, Video, Audio) herausragen.
- Tiefe: Es gilt, inhaltliche Tiefe zu bieten, die in einer kurzen KI-Antwort nicht abbildbar ist.
- Autorität: Expertise, redaktionelle Prüfung und Glaubwürdigkeit werden zu entscheidenden Rankingfaktoren.
Das Ziel von SEO bleibt die organische Sichtbarkeit in Suchsystemen. Durch die Diversifizierung der Plattformen verschieben sich jedoch die entscheidenden Erfolgskennzahlen. Die Priorität wandert weg von klassischen Rankings und Klicks hin zu Mentions und Citations.




