Wie Google Links anhand der Nutzersignale aus dem Google Chrome Browser bewerten kann

Hanns Kronenberg
Hanns hat Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Marketing und Statistik in Münster studiert. Er beschäftigt sich seit über 10 Jahren mit dem Thema Suchmaschinen. Nach beruflichen Stationen in Leitungsfunktionen bei Unternehmen wie RTL, Deutsche Telekom, TOMORROW FOCUS, muenchen.de und meinestadt.de arbeitete Hanns bis zu seinem Wechsel zu SISTRIX als selbstständiger SEO-Unternehmensberater.
30. Juni 2016 15 Kommentare
Es verdichten sich die Beweise, dass Google anhand von Nutzersignalen unnatürliche Links sehr gut identifizieren und entwerten kann. Schon 2014 haben wir darüber geschrieben, dass Google die Möglichkeit besitzt, Links mit Hilfe der Daten vom Chrome Browser zu bewerten. Anhand der Nutzersignale wie oft ein Link tatsächlich von Nutzern geklickt wird, könnte Google den wahren Wert eines Links bestimmen.  Unnatürliche Links ließen sich ebenso enttarnen wie Links von Websites, die nur für den Linkverkauf erstellt wurden, aber mangels Mehrwert eigentlich überhaupt keine echten Besucher vorweisen können. Bislang fehlte für diese Theorie aber der eindeutige Beweis, dass der Google Chrome Browser das Surferhalten seiner Nutzer an Google sendet. Dieser Beweis liegt jetzt vor.

Google My Activity (Meine Aktivitäten) zeigt den Browserverlauf an

Google hat den neuen Dienst „My Activity“ eingeführt. Dort können Nutzer sehen, welche Daten Google bei der Nutzung von Google Produkten über sie gespeichert. hat. Bestandteil der Daten ist auch der Browserverlauf des Google Chrome Browsers. Somit erhält Google umfassende Daten, wie sich Nutzer durch das Web bewegen. Der folgende Screenshot zeigt z.B. an, dass ich heute um 10:01 Uhr den Chrome Browser benutzt habe. Ich habe in der Google-Suche eine Suchanfrage für „Elon Musk“ abgeschickt und über diesen Weg die Twitter-Seite von Elon Musk besucht. Dort habe ich einen Link auf einen Artikel bei bloomberg.com über Tesla und Solar City angeklickt. Am Ende des Beitrages habe ich einen Link auf einen weiteren Artikel bei Bloomberg geklickt. Auch das wurde bei „My Activity“ korrekt gespeichert. google-my-activity Über alle Nutzer kann Google so sehr genau berechnen wie häufig eine Seite aufgerufen wurde und welchen Links die Nutzer gefolgt sind. Warum sind diese Daten so wichtig und welche Bedeutung haben sie für den Linkauffbau und die interne Verlinkung? Die Antwort ist das Google Patent "Ranking documents based on user behavior and/or feature data (US 8117209 B1)", das am 19. März 2010 eingetragen und am 14. Februar 2012 veröffentlicht wurde.

Ein Link ist um so wichtiger, je häufiger er tatsächlich angeklickt wird

In dem Dokument beschreibt Google eine Weiterentwicklung des PageRank-Modells. Ich versuche die etwas komplexe Mathematik dahinter möglichst einfach zu beschreiben, so dass es jeder verstehen kann. Dieser Abschnitt ist vielleicht etwas anstrengender zu lesen, aber es lohnt sich. Jeder SEO muss das Modell verstanden haben.

Den PageRank-Wert kann man als Wahrscheinlichkeit verstehen, dass ein Surfer sich im Web gerade auf einer bestimmten Seite befindet. Je mehr Links zu der Seite führen und je wichtiger die Seiten sind, von denen aus verlinkt wird, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Surfer auf dieser Seite befindet. Führen viele Links und Links von wichtigen Seiten auf eine bestimmte Zielseite, so hat sie einen hohen PageRank und damit einen hohen Rankingvorteil.

Bei dem ursprünglichen Modell ging Google von einem zufälligen Surfer aus (Random Surfer Model). Vereinfacht ausgedrückt bewegt sich der Random Surfer durch das Netz, indem er zufällig einen der ausgehenden Links klickt. Die Klickwahrscheinlichkeit ist bei allen ausgehenden Links einer Seite gleich hoch, da der Random Surfer zufällig einen der angebotenen Links auswählt. Somit vererben nach dem Modell alle ausgehenden Links einer Seite den gleichen PageRank.

Das Patent „Ranking documents based on user behavior and/or feature data“ beschreibt eine Weiterentwicklung dieses Modells. Es wird nicht mehr von einem Surfer ausgegangen, der zufällig einen Link auswählt, sondern ganz bewusst. Google nennt das Reasonable Surfer, was mit Rationaler Surfer übersetzt werden kann.

Nach dem Reasonable Surfer Model sind Links um so wichtiger, je häufiger sie geklickt werden. Umgekehrt werden Links, die selten oder gar nicht geklickt werden, unwichtig und werden entsprechend gering gewichtet. In dem Patent beschreibt Google welche Links am häufigsten geklickt werden. Das sind z.B. Links direkt aus dem Hauptcontent der Seite, eher am Anfang des Contents, farblich hervorgehoben und unterstrichen. Diese werden deutlich häufiger geklickt als z.B. ein Link in kleinerer Schrift im Footer der Website. Je häufiger ein Link geklickt wird, um so stärker wird er gewichtet.

Mit der Weiterentwicklung vom Random Surfer zum Reasonable Surfer wird die Prognose, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich ein Surfer auf einer bestimmten Seite befindet, deutlich verbessert.

Vor allem kann Google die neue Methode hervorragend im Kampf gegen unnatürliche Links einsetzen. Ein Link, der nicht geklickt wird, vererbt auch keinen PageRank und verursacht damit keinen Rankingvorteil.

Unnatürliche Links werden kaum geklickt

Wenn Links gezielt gesetzt wurden, nur um den PageRank der Zielseite zu beeinflussen, verstoßen sie geben die Richtlinien von Google. Wenn wir uns anschauen, welche Links Google als unnatürlich beschreibt, dann haben fast alle diese Links eine Gemeinsamkeit. Sie werden wahrscheinlich selten von echten Nutzern angeklickt. Das sind z.B. Links, die gar nicht sichtbar sind, Links im Footer eine Website, Links von Linktauschseiten, Seiten mit geringer Qualität, Artikel-Verzeichnissen, Presseportalen, Foren-Signaturen oder aus Gästebuch-Kommentaren. Sie werden selten geklickt, weil sie für die Nutzer uninteressant sind, nach Spam aussehen, und/oder weil die verlinkende Seite kaum echte Besucher besitzt.

Google hat mir dem Reasonable Surfer Model eine sehr elegante Lösung gefunden, diese Links entwerten zu können. Wenn solche Links kaum geklickt werden, haben sie auch kaum einen Einfluss auf das Ranking.

Google weiß wie häufig ein Link geklickt wird

Diese Methode funktioniert um so besser, je genauer Google die tatsächliche Anzahl Klicks prognostizieren kann. Genau an dieser Stelle kommt der Google Chrome Browser in`s Spiel. Wie jetzt die Daten von My Activity zeigen, sendet der Chrome Browser den Browserverlauf an Google. Mit diesen Daten kann Google ein genaues Bewegungsprofil zwischen Websites erstellen und die Wichtigkeit von Links berechnen.

Weltweit besitzt der Chrome Browser laut statcounter.com auf dem Desktop inzwischen einen Marktanteil von rund 57 Prozent. Mehr als die Hälfte der weltweiten Internetnutzung findet also über den Chrome Browser statt. Damit lassen sich sehr genaue statistische Aussagen über jede einzelne Website treffen. Diese Daten sind für Google deutlich wertvoller als Daten von Google Analytics. Jede Website, die nicht Analytics verwendet, wäre eine Black Box für Google. Chrome liefert umfangreiche Statistiken zu jeder Website.

Die Nutzersignale in Form von tatsächlichen Klicks auf Links können langfristig wahrscheinlich auch schlecht durch Klickroboter gefälscht werden. Die Daten sind Nutzerprofilen zugeordnet und Google kann bewerten wie vertrauensvoll ein Nutzer ist. Bei My Activity werden auch Daten über den Standort angezeigt, über die Nutzung von Gmail, der Suche, verwendete Geräte, Google Now, Google Dokumenten und Tabellen, Aufruf von Seiten hinter einem Login usw. Anhand dieser Daten sollte sich ein Mensch von einem Roboter leicht unterscheiden lassen.

Fazit

Wir haben schon lange vermutet, dass Google mit dem Chrome Browser messen kann, wie häufig ein Link tatsächlich angeklickt wird und unnatürliche Links entsprechend abwertet. Mit den Daten von My Activity liegt nun der Beweis vor, dass der Chrome Browser die Nutzersignale tatsächlich an Google sendet. Jeder SEO sollte davon ausgehen, dass Links, die nicht geklickt werden, langfristig auch keinen Wert für das Ranking besitzen. Das gilt um so mehr, wenn man sich die Erfolge von Google beim Kampf gegen Linkspan in den letzten Jahren anschaut. Die Verwendung der Nutzersignale aus dem Google Chrome Browser sind eine sehr gute Erklärung dafür. 

30. Juni 2016, 15:54

Sehr interessant. Gleichzeitig aber auch etwas furchterregend. Irgendwie zieht Google die Schlinge immer enger und schiebt damit alle Mitbewerber an den Rand der Belanglosigkeit.

Google Chrome ist nicht nur ein Browser, sondern das Trojanische Pferd des Suchmaschinen-Anbieters.

Hanns Kronenberg
30. Juni 2016, 16:00

Wenn im Web etwas kostenlos ist, bist Du das Produkt 😉

Dennis
30. Juni 2016, 16:22

Hi Hanns, wieklich sehr gute Artikel! Deiner Theorie in diesem Artikel kann ich durchaus nachvollziehen und stimme Ihr auch zu. Jedoch bin ich mit einer Sache noch nicht ganz eins mit dir. Ich denke NOCH kann google gut gemachte Klickroboter von echten Besuchern nicht unterscheiden. Was ist beispielsweise mit dem Tool pandabot.net
Ja ich weiß, die Seite sieht grottig aus!! Aber das Tool was dahinter steckt, ist das beste was ich kenne.

Hanns Kronenberg
30. Juni 2016, 16:25

Müßte man fast mal einen Test aufsetzen.

huebler wilfried
30. Juni 2016, 23:56

Ja das müßte mal testen

30. Juni 2016, 23:57

Ich denke, dass die Behauptung „Wenn solche Links kaum geklickt werden, haben sie auch kaum einen Einfluss auf das Ranking.“ ganz leicht relativiert werden könnte. Prinzipiell könnte Google das so machen, aber im Netz gibt es Milliarden von Seiten mit Links, die nicht oder nur extrem selten geklickt werden. Viele dieser Links haben allerdings schon eine Daseinsberechtigung und könnten auch wertvoll sein. Sie könnten auf relevante und legitime Art und Weise zwei redaktionelle Inhalte miteinander verbinden.

Sicher gibt es im Algo hierzu eine Art „statistisch relevanten Schwellenwert“, der aber nur dann greift (oder dann stärker greift), wenn auch die anderen Qualitätssignale verdächtig sind. Auf die richtige Wechselwirkung und auch auf die Situation kommt es an.

Eines steht fest und da stimme ich Jochen zu. Google zieht die Schlinge immer enger und es wird immer schwieriger, wirklich gute Links aufzubauen. Für mich ziehe ich daraus drei Learnings

Links werden wieder deutlich

1) wichtiger,
2) teurer, weil
3) schwieriger aufzubauen

Werden wir eine Renaissance des organischen Linkaufbaus mit Fokus auf echte Qualitätslinks erleben?

Jürgen
1. Juli 2016, 00:21

Hallo Hanns,

grundsätzlich ist dein Gedanke nicht abwägig, allerdings muss ich Sasa ebenfalls recht geben. Auf vielen hochwertigen Seiten gibt es unzählige Links auf tieferen Ebenen, die fast nie geklickt werden. Nehmen wir z.B. die Unterseite eines Professors einer Hochschule. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich ein Nutzer (außer vielleicht einem Studenten) hierher verirrt und dort ab und zu mal auf einen Link klickt? Und zum Vergleich: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Nutzer einen Link in einem Artikel von Spiegel.de klickt. Vermutlich deutlich höher, aber ist der Uni-Link deshalb weniger Wert? Und nun auch direkt die nächste Frage: Was ist, wenn der Spiegel-Link nach 1-2 Wochen gar nicht mehr geklickt wird, weil der Artikel einfach veraltet ist und im „Archiv“ gelandet ist?

So gesehen würde ich eher behaupten, das die „Click-Rate“ wieder nur ein weitere Unterkategorie im gesamten Linkqualitx-Komplex.

Hanns Kronenberg
1. Juli 2016, 09:33

Hallo Jürgen, ein Link kann natürlich maximal so viel PageRank vererben wie die verlinkende Seite besitzt (minus Dämpfungsfaktor). Und nach dem neueren Patent verteilt sich der Anteil nicht auf alle ausgehenden Links gleich, sondern wird nach der Klickwahrscheinlichkeit gewichtet. Wenn in einem Artikel bei Spiegel nach 2 Wochen weniger geklickt wird, der prozentuale Anteil eines Links dabei aber gleich bleibt, dann ändert sich nichts an seiner Gewichtung. Es geht erst einmal um Prozentanteile und nicht um absolute Zahlen. Was sich vielleicht ändert, ist der PageRank der linkgebenden Seite, so dass sie im Zeitablauf mehr oder weniger PageRank vererben kann.

Markus
1. Juli 2016, 07:48

Also könnte man durch „Klickbetrug“ Links aufwerten. Ich gebe 20 Praktikanten einen PC mit Google Chrome und lasse sich auf natürliche Art und Weise immer mal wieder auf die von mir platzierten Links klicken.

1. Juli 2016, 10:41

@Markus: Das wäre aber ziemlich aufwendig, für jeden Praktikanten ein „echtes“ Nutzerprofil anzulegen. Die Zeit und das Geld kann man auch in sinnvollere Optimierungen anlegen.

[…] Sur­fen: Google be­wer­tet Links, in­dem es Link-Klicks von Chrome-Nutzern aus­wer­tet, schreibt Sis­trix. […]

2. Juli 2016, 15:45

@Hanns Kronenberg nix ist im Netz kostenlos! 🙂

und im Grunde wussten bzw. wissen wir es auch wie Google seit Jahren alles speichert auswertet und immer mehr zu eine gigantischen UniQSurfer Plattform wird ist allen bewusst.
Das jetzt als Erweiterung für Page Rank zu deklarieren und damit mehr Legal zu speichern ist nur der Anfang. G+ plus wird die nächsten Jahre immer mehr eine Rolle spielen. Mal sehen was uns erwartet.
Unsere Kinder eine Google Generation!

[…] Durch Google My Activity und Chrome weiß Google, auf welche Links wirklich geklickt wird. Das Random Surfer Model würde so abgelöst werden und unnatürliche (und nie geklickte) Links geben kaum noch Kraft auf die verlinkten Seiten ab. Im Umkehrschluss würden Links umso wichtiger, je häufiger sie geklickt werden. […]

[…] Bislang fehlte der eindeutige Beweis für die Theorie, dass der Google Chrome Browser das Surfverhalten seiner Nutzer an Google sendet. Laut Hanns Kronenberg liegt dieser Beweis jetzt vor. […]

18. Juli 2016, 11:53

Interessant.

Kleine Anmerkung: Wir wissen nun zwar, dass Google die Daten hat – aber wir wissen nicht, ob diese auch genutzt werden bzw. in welchem Umfang. Vor Jahren war mal ein ehemaliger Google-Mitarbeiter bei uns und hat uns in Sachen SEO beraten. Er hat immer wieder betont, dass die verschiedenen Google -Ökosysteme strikt voneinander getrennt sind und das Vorhandensein von Daten in dem einen System (Google Chrome) nicht automatisch bedeutet, dass diese in einem anderen System (Google Suche) zur Verfügung stehen. Inwieweit das heute noch der Fall ist, kann man natürlich von außen schlecht beurteilen.

Grüße,
Torsten