Über die Entstehung von SEO-Gerüchten

Johannes Beus
Johannes Beus
Johannes Beus ist Gründer und Geschäftsführer von SISTRIX.

Gerüchte und Halbwahrheiten um die Bewertung verschiedener Faktoren durch Suchmaschinen sind genauso alt, wie die Suchmaschinenoptimierung selber. Irgendwann und irgendwo mal in die Welt gesetzt, halten sie sich ähnlich wie urbane Legenden gerne über einen längeren Zeitraum. So selten, wie Astronomen eine große Supernova live beobachten können, gelingt uns dieses für die Entstehung von SEO-Gerüchten. Aber heute, werte Leser, haben Sie die unglaubliche Chance, Zeuge so einer Geburt zu sein, treten Sie näher – nicht so schüchtern – und staunen Sie.

Die Herrschaften von „Google Operating System“, einem Blog, das sich mit allerlei Tipps und Vermutungen rund um Google beschäftigt, haben festgestellt, dass das Silvester-Doodle als kleine Überraschung einen Hinweis auf die Einführung von TCP/IP, einer der Internetgrundlagen, vor 25 Jahren enthielt und zeigen an der mit dem Logo verlinkten Googlesuche zu „January 1 TCP/IP“ ein schon länger bestehendes Problem auf. Während Google das Ranking üblicherweise hauptsächlich auf Backlinks aufbaut, ist dies bei Seiten, die erst wenige Minuten alt sind, naturgemäß nicht möglich. Google scheint sich also entschlossen zu haben, in einigen wenigen bestimmten Fällen neue Seiten besser zu ranken als alte. Dies tritt dann auf, wenn eine Suchabfrage, die ansonsten sehr wenig Traffic hat, auf einmal einen deutlichen Anstieg verzeichnen kann – Google geht dann davon aus, dass es sich um eine wichtige Newsmeldung handeln muss und zeigt folglich aktuelle Treffer an. Um dies zu demonstrieren, hat „Google Operating System“ eben dieses verlinkte Google-Logo genommen. Soweit alles nachvollziehbar und seit einigen Monaten Realität aber eben nur für eine sehr begrenzte Anzahl an Keywords überhaupt zutreffend.

Kurz später wurde TechCrunch, ein bekanntes US-WebX.0-Blog, darauf aufmerksam und verkürzte die Aussage des Orginalbeitrages dahingehend, dass Google seinen Algorithmus ändere. Das ist, wie im letzten Absatz beschrieben aus zwei Gründen falsch: Einerseits fand diese Änderung bereits vor einigen Monaten statt und zum anderen sind davon nur wenige Suchanfragen betroffen, bei denen die Anzahl der Suchen stark variiert. Einen Tag später, also heute, scheinen jetzt auch die deutschsprachigen Redaktionen ihren Silvesterkater überstanden zu haben und nahmen das Thema dankenswert auf: was TechCrunch schreibt, muss schließlich richtig sein. Zuerst verbreitete die Computerwoche unter dem Titel „Google ändert seine Suchkriterien“ den Unsinn in Deutschland weiter, kurz danach übernahm die PC-Welt den Beitrag offenbar ungeprüft. Ich bin gespannt, welche Qualitätsjournalisten noch auf den Zug aufspringen – aber was will man von den Klowänden des Internet schon erwarten …

[Update 04.01.] Die Internet World Business sowie weitere „Experten“ schreiben den Unsinn weiterhin umgeprüft ab und verbreiten das Gerücht somit. Ein Fleißsternchen gibt es für Golem – auch, wenn sie mit der Abschaffung des Supplemental Index ein paar Wochen zu spät dran sind, haben sie das mit dem „QDF“ immerhin korrekt wiedergegeben.

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Kommentare
Avatar Andi   
2. Januar 2008, 18:07

Also ich fände das gar nicht so schlecht, wenn das Gerücht weiter verbreitet werden würde. Dann hört endlich das Linkgetausche bei den meisten Hobby-SEOs auf 🙂 Die werden dann den ganzen Tag daheim sitzen und Content produzieren, in der Hoffnung, ihre Seiten schießen auf einmal in den Serps in die Höhe. Obwohl es ja kein kompletter Unsinn ist, weil Content künftig immer wichtiger werden wird.

Avatar Patrick   
2. Januar 2008, 18:17

@Andi,

es würde zwar mehr Content produziert werden, ob dieser aber dann auch wirklich lesenswert ist bleibt mal dahingestellt.

Aber wie bereits jmd. auf abakus geschrieben hat, würde so Spammern eine weitere Möglichkeit gegeben werden, den index vollzuspammen.

Avatar David   
2. Januar 2008, 19:21

„Wenn TechCrunch etwas schreibt, muss es ja stimmen“.
TechCrunch ist eine Autorität im Web (nicht nur für Google), Web 2.0 Startups können mit einem einzigen Artikel auf TC sterben oder neues VC bekommen.

SEO ist nicht das Hauptthemengebiet von TechCrunch, daher sind auch viele Leser nicht unbedingt bewandert in diesem Feld und übernehmen schonmal den ein oder anderen Artikel.

Johannes   
2. Januar 2008, 19:24

David, aber gerade als Autorität hätte TC die moralische Verpflichtung, sorgfältiger zu arbeiten. Von den „richtigen“ Journalisten bei Computerwoche und PC-Welt mal ganz zu schweigen …

Avatar Jojo   
2. Januar 2008, 19:46

Habe mich auch darüber gewundert. Infos zum QDF (query deserves freshness) gab es im Juni sogar schon in der New York Times.

Avatar Firmenhomepage erstellen   
2. Januar 2008, 21:26

Google wird demnächst nämlich ausschließlich über die Aktualität von Webseiten die Suchergebnisse gestalten. Vorbei mit den Backlinks, Aktualität ist alles!

Da weiß ich ja gleich, was ich machen werde: Besonders für meinen Online Shop habe ich mir sofort Folgendes überlegt: Ab sofort wird es ja egal sein, dass ich Empfehlungen von anderen Seiten habe oder einfach relevanten Inhalt auf meiner eigenen Domain.
Also sitze ich von nun an den ganzen Tag vor meinem PC und lass alle paar Minuten einen Zweizeiler raus. Ein Spruch zum Thema T-Shirt auf eine Extra Seite gelegt und schon bin ich der Neueste im Bereich T-Shirt. Somit könnte ich die kompletten Top 10 beim Keyword T-Shirt übernehmen. Ob gut oder nicht ist ja egal – Hauptsache Neu ist das Zeug!

Avatar Blogs optimieren   
2. Januar 2008, 23:47

Oder doch nicht? Derzeit macht diese Meldung in der SEO-Sphere einigen Wirbel und dokumentiert, wie schnell sich halbe Meldungen zu falschen Aussagen wandeln können.
Ausgangspunkt ist wohl der Post von Googlesystems zu einem bekannten Problem. Neu…

Avatar willky   
3. Januar 2008, 10:09

Hab das Ganze auf Techcrunch und auf PCWELT gelesen und mir auch meinen Teil gedacht. Dass diese Anpassung des Algorithmus, besonders die Abwertung der Backlinks – wie dort geschrieben – ziemlich unwahrscheinlich ist, habe ich bereits gebloggt. Dass dieses „Phänomen“ allerdings bereits vor einige Monaten aufgetreten ist, war mir neu. Danke für die Info!

Avatar BennyDuck   
3. Januar 2008, 16:01

Zuerst hatt es geheißen, dem Internet kann man nicht trauen, jetzt kann man der Presse nicht mehr trauen, immer schnell der erste mit einer News auf dem Markt sein, ob sie stimmmt oder nicht, Schotter bringt es.

Avatar Das CIO Weblog   
3. Januar 2008, 18:00

Zum Jahresbeginn hat Google nicht nur den Pagerank dieses Blogs wieder auf 6 angehoben, sondern angeblich auch die Algorithmen seiner Suchmaschine verändert. Künftig soll die Aktualität der Inhalte ein wesentliches Kriterium für die Platzierung in der Trefferliste sein, die…

Avatar Constantin   
4. Januar 2008, 12:51

Schon witzig, wie gut deine Voraussage war, dass hier ein wirkliches Gerückt entsteht, was sich vermutlich auch wacker halten wird.

Gerade erhalte ich den Newsletter der Internet-World-Business mit einem Artikel, dass der Google-Algorithmus geändert worden ist…na klasse.

Avatar Web 2.0 Blog   
4. Januar 2008, 14:28

Sehr guter Artikel!

Vor allem dein Satz: „Ich bin gespannt, welche Qualitätsjournalisten noch auf den Zug aufspringen – aber was will man von den Klowänden des Internet schon erwarten“ fand ich ziemlich treffend 🙂

Avatar Andi   
4. Januar 2008, 16:08

Dass Web 2.0 an Gewicht gewinnen wird kann ich mir schon vorstellen. Sicherlich wird Google in Zukunft aktueller, allerdings nur in bestimmten Fällen bzw. bei Keywords, welche in Zusammenhang mit News gebracht werden können. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, bei denen es dem Index eher schaden als nutzen würde. Linkpower wird aus meiner Sicht nach wie vor die größere Rolle spielen. Warum sollte Google sonst den Linkkauf offiziell verbieten?

Avatar goforward   
8. Januar 2008, 12:01

Es hat sich im November schon gezeigt, dass Google sehr schnell indiziert. Auch wenn die Cache-Ansicht erst 3 bis 4 Tage später verfügbar war, konnten neue Seiten sehr schnell gefunden werden in dem eine genaue Eingabe eines kurzen Textabschnittes gewählt wurden. Selber bin ich nicht der Meinung, dass der Google Algo großartig geändert wurde. Dennoch scheint Aktualität mehr an Bedeutung zu gewinnen und das zu recht, da Suchmaschinen von der Aktualität Ihres Suchindexes leben.

Avatar Mike   
10. Januar 2008, 16:12

Kann es eigentlich sein, dass Go. sein Eigen „blogger.com“ schneller in den Index schmeißt als WordPress Blogs. Führe diesbezüglich nämlich gerade einen Test durch, weil mich einfach die Schnelligkeit der Indexierung interessiert. Und da konnte ich schon eindeutig feststellen, dass blogger.com vorne ist.

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