Der Absturz von Examine.com – oder: darf Google eine Meinung haben?

Johannes Beus
Johannes Beus
14. August 2019
Johannes Beus
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Johannes Beus ist Gründer und Geschäftsführer von SISTRIX.

Domains aus dem Gesundheitsbereich waren von den letzten Core-Updates häufig betroffen. Jetzt hat es mit Examine.com auch eine Domain getroffen, die augenscheinlich alles richtig macht. Scheitert Google an seinen neuen, hohen Ansprüchen?

Kamal Patel, Ernährungsforscher und einer der Gründer von Examine.com, hat mit seinem Beitrag “Why has Examine.com disappeared from search results?” eine interessante Diskussion zum Umgang von Google mit Inhalten aus sensiblen Bereichen angestoßen.

Examine.com wurde 2011 von Sol Orwell, Kurtis Frank und Kamal Patel gegründet. Ziel war es, Nahrungsergänzungs- und Ernährungswissen auf Basis von belegbaren wissenschaftlichen Studien zusammenzufassen. Die Rankings der Domain waren in der Vergangenheit immer wieder von den großen Google-Updates betroffen, hier am Beispiel der Sichtbarkeit in UK:

Vor einigen Tagen gab es einen erneuten starken Verlust an Sichtbarkeit in den Google Suchtreffern. Schaut man sich die täglichen Sichtbarkeitsdaten in der Toolbox an, ist die Domain mittlerweile (fast) nicht mehr in den SERPs zu finden:

Auf Basis der Rankingverteilung wird deutlich, dass von den wenigen Keywords, für die Examine.com noch rankt, fast kein Keyword auf der relevanten ersten Google-Ergebnisseite zu finden ist. Kamal Patel bestätigt diese Entwicklung mit Daten aus Google Analytics: seit einigen Tagen liegt der Graph nur knapp über der Null-Linie:

Google-Traffic auf Examine.com

Examine.com, der Musterschüler

Was ist passiert? Oberflächlich betrachtet, fällt Examine.com schnell in das Muster vieler betroffener Domains aus dem Gesundheitsbereich: geht es doch um Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel – ein Thema, das unseriöse Anbieter traditionell anzieht und gerade im Internet nur wenig reguliert ist.

Doch stellt sich die Realität in diesem Fall etwas anders dar: Examine.com erfüllt alle Anforderungen, die Google in den Quality Rater Guidelines an Seiten aus dem Bereich “Your Money, Your Life” (YMYL) stellt und übertrifft diese häufig noch:

  • Artikel werden rein auf evidenzbasierter, wissenschaftlicher Grundlage verfasst
  • Quellen werden genannt und verlinkt
  • Die Inhalte werden von Experten verfasst

Examine.com ist in diesem sensiblen Bereich ein Musterschüler – und wird trotzdem mit Seiten wie Zentrum-der-Gesundheit.de, die sich durch Sätze wie “wissenschaftliche Belege sind daher nicht der ultimative Beweis für die Wirksamkeit einer Massnahme” hervortun, in einen Ranking-Topf geworfen.

Wie Kamal Patel richtig vermutet, ist Examine.com dabei in das Kreuzfeuer einer neuen Herangehensweise von Google geraten.

Google in der Zwickmühle

Lange hat Google die Suche als technische Lösung betrachtet und jede Bewertung oder Einordnung der Inhalte selbst unterlassen. Angezeigt wurden die Treffer, deren Ranking-Signale für ein gutes Ranking sprachen – auch wenn das im Falle von „miserable failure“ die Biographie eines US-Präsidenten war. Auch politisch gefährliche Klippen wie eine Personalisierung der Suchergebnisse hat Google geschickt umschifft.

Doch ist Google mittlerweile mehr als eine Suchmaschine. Da Nutzer nur auf den SERPs wertvolle Werbeklicks erbringen, bemüht sich Google, Nutzer länger im eigenen Netzwerk zu halten. Während das zu Beginn nur einfache und objektiv nachprüfbare Suchen wie das aktuelle Wetter oder Börsenkurse betraf, ist Google mittlerweile auf dem Weg zu der einen Antwort auf viele Nutzerfragen (mehr zu dem Thema in diesem Blogpost).

Google hat gute Absichten

Auf der einen Seite hat Google gute Absichten. In den Quality Rater Guidelines wird gerade für sensiblen Bereiche, bei denen es um die Gesundheit oder das Geld der Nutzer geht, hervorgehoben, wie wichtig die inhaltliche Qualität und objektiv nachweisbare Korrektheit der Inhalte ist. Google tritt dabei für die richtigen Ideale ein: wissenschaftlich nachweisbar, transparent, objektiv richtig. Auch erkennt Google seine Verantwortung gegenüber den Nutzern an.

Eine (fast) unlösbare Aufgabe

Auf der anderen Seite besteht aber doch die Gefahr, dass sich Google an dieser Aufgabe verhebt. Eine binäre richtig/falsch Einordnung von Inhalten ist (fast) unlösbar. An den erratischen Sichtbarkeitsverläufen vieler Domains aus dem Gesundheitsbereich erkennt man, wie unsicher der Algorithmus bei dieser Aufgabe ist. Auch stellt sich die Frage, ob eine Falscheinordnung wie im Beispiel von Examine.com nicht mehr Schaden anrichtet als andersrum?

Fazit

Google hat künftig eine Meinung zu Inhalten. Waren bislang die Gesetze des jeweiligen Landes der Rahmen für erlaubte Inhalte in den SERPs, zieht die Suchmaschine diese Grenzen künftig enger. Das ist oft nachvollziehbar und theoretisch auch richtig, birgt aber doch große Gefahren – nicht nur für Suchmaschinenoptimierer, sondern auch für Google.

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Kommentare
Google statt Reichweite | Oplayo Digitale Markterschließer   
14. August 2019, 13:27

[…] Ob eine Website gut oder schlecht ist sollen Algorithmen beurteilen. Und Künstliche Intelligenz (KI, auch AI) soll helfen. Immer öfter klappt das nicht! […]

Michael Kohlfürst   
14. August 2019, 13:51

Die Anzahl wertvoller Backlinks ist ab heute ja +1 😉 Ich gehe hier davon aus, dass die Seite weniger unterhaltend ist als andere. Eine große Anzahl von Benutzer sich nicht tagelang mit der Seite beschäftigt weil gerade das Kopfweh schlimmer ist.

Auch wenn der Content sehr wertvoll ist, senden seine (Be)Nutzer vielleicht nicht dir richtigen Signale an Google. Das hat dann zur Folge, dass die Seite als wenig benutzerfreundlich betrachtet und bewertet wird.

Und auch im wahren Leben – nicht immer gewinnt das Gute!

Johannes Beus   
15. August 2019, 09:48

Ja, schwieriges Thema, Michael. Wenn Google so kurz denkt, laufen sie in die gleiche Falle wie Facebook: mehr Engagement = besser und damit sind nur Inhalte sichtbar, die irgendwie polarisieren. Und das sind oft leider die „falschen“ Inhalte. Glaube aber, dass Google als Organisation reflektierter an das Thema rangeht.

Martin Mißfeldt   
14. August 2019, 14:24

hmm, den Widerspruch hast Du zwar sauber aufgezeigt, aber das Warum wird mir nicht plausibel („Meinung“). Einerseits kann Google die wissenschaftliche Korrektheit immer besser zu erkennen, und andererseits stürzt eine Domain, die scheinbar alles richtig macht, im Ranking ab (btw: so sehe ich das bei meiner Blutwert.net auch 😉 )…

Meinst Du die Domain stürzt nur ab, weil sie ein sensibles Thema behandelt? Aber irgendwelche Domains müssen doch vorne stehen. Oder gibt es vielleicht irgendwo auf der Seite kleine, versteckte „Ungereimtheiten“, die Google nun viel höher gewichtet und die Seite deshalb zurückstuft?

In jedem Fall bleibt id eFrage: ist es eine „Herabstufung“ von examine.com – oder sind alle anderen besser geworden bzw. werden aufgrund anderer Faktoren nun höher bewertet? Schwer zu sagen …

Markus   
14. August 2019, 14:31

@Michael Kohlfürst: User Signals: Aber das wäre dann ja auch bei den nun besseren Wettbewerbswebsites der Fall, da die Suchintention identisch ist.

Torben   
15. August 2019, 13:51

Hallo,

habt ihr euch die Seite mal näher angeschaut und analysiert?

Zusammenfassung:
* Thin-Content
* Content Versteckt
* Fake-Quellenangaben
* Wollen mit jedem Klick was verkaufen
* Versuchen meine E-Mail-Adresse zu bekommen

Nach nur einem Klick lande ich hier:
https://examine.com/supplements/fat-loss/
Klassischer Thin-Content. Der eigentliche Content findet sich im Abschnitt „Fat Loss Summary“ und ist ganze 160 Wörter lang (!!).

Dafür werden auf der Seite 177 Quellenangaben aufgeführt. Allso mehr Quellen als Wörter im Inhalt.
Der Inhalt ist ausserdem „below-the-fold“. Der ganze erste Absatz ist WERBUNG (Money Quote: „For the price of just three guides…“). Dieser ganze Werbeabsatz wird dann auch unten auf der Seite noch mal wiederholt.

Die wollen mir agressiv irgendwelche Abnehm-Ratgeber verkaufen. Außerdem wollen sie meine E-Mail-Adresse. Ansonsten besteht die Seite aus Bullshit und Fake-Quellen.

Wenn ich Quality-Rater wäre, würde die schneller aus dem Index fliegen, als du „Nutrition“ sagen kannst.

Vielleicht sollte man deren selbst in den Raum gestellten Marketing-(!)-Aussagen von wegen Wissenschaftlichgkeit und wir machen alles richtig, erstmal prüfen, bevor man die in Schutz nimmt.

Aber Google-Bashing gibt im Moment gut klicks, gelle?

Torben   
15. August 2019, 14:00

Nachschlag:

Ich habe mir noch einen Content-Artikel von denen angesehen.
„4 science-based “superfoods” you should consider eating“
aus der Liste der Top-Artiklel (!!)

Der gesamte Artikel hatt 513 Wörter.
Da schreibt jeder SEO-Praktikant an einem Vormittag einen längeren und fundierteren (!) Artikel dazu.

Als vergleich, der Wikipedia Artikel dazu sagt grob zusammengefasst: „Der Begriff Superfood ist Bullshit und sollte nicht verwendet werden“ – tut dies aber mit fast doppelt so vielen Worten.
Ich sage in meinen Schulungen immer: „Wenn du nicht aus dem Stehgreif 1000 Worte zu deinem Produkt / Thema schreiben kannst, hast du keine Ahnung davon.“ Das würde ich an dieser Stelle unterstreichen.

PS: Meine beiden Kommentare haben zusammen ca. 280 Wörter und sind damit deutlich länger als deren Seite über Fat-Loss.

Kay   
15. August 2019, 14:12

Sehr schwieriges Thema und ich bin auch vor der grundsätzlichen Frage ob Google wirklich zu jedem Thema eine Meinung haben darf und/oder sollte. Gerade wie ihr es richtig aufzeigt kann eine Fehleinschätzung und damit der Ausschluss eine weit größere Problematik haben, als andersrum vielleicht ein schwarzes Schaf zuviel in den SERPs zu lassen. Ich finde hier sollte man zukünftig noch größeren Fokus drauf legen, denn egal wie gut die Ansätze von Google auch sein mögen, die möglichen Folgen werden immer drastischer spürbar.

Bernhard   
16. August 2019, 12:32

Die Aussage „Da Nutzer nur auf den SERPs wertvolle Werbeklicks erbringen, bemüht sich Google, Nutzer länger im eigenen Netzwerk zu halten“ halte ich für schwierig. Google ist mit Abstand der größte Player was (programmatische) Vermarktung angeht. D.h. auch wenn der Nutzer die SERPs verlässt, verdient Google weiterhin, wenn die angesteuerte Seite entsprechend vermarktet wird.

Dom   
17. August 2019, 17:32

Google will ein Problem algoritmisch lösen, an dem sich die Philosophen der letzten 3000 Jahre die Zähne ausgebissen haben: Was ist Wahrheit, was ist richtig, wie findet man das heraus.

Michael Kohlfürst   
20. August 2019, 07:55

@Markus: aus meiner Sicht ist auch der Markt zu beobachten wie er mit Inhalten umgeht.

Im Deutschsprachigen Bereich begeistern wir uns für den der schreibt was schlecht ist. Die Amerikaner lesen weniger GERNE darüber, dass Ihre Vitamine, Mineralstoffe und Superfood nicht gut für Sie sind. In USA sind Plattformen top, die übertreiben wie toll das neue Weizengras ist.

Aus meiner Sicht Signale für Google. Wir haben gelernt das Chaos des Wetters zu entschlüsseln anstatt hundert Bauern-Regeln. Google hat es verstanden aus 200 SEO-Regeln ein Chaos zu machen. 🙂