Facebook stellt Graph Search vor

Johannes Beus
Johannes Beus
16. Januar 2013
Johannes Beus
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Johannes Beus ist Gründer und Geschäftsführer von SISTRIX.

Die Spatzen haben es Ende des letzten Jahres bereits von den Dächern gepfiffen: Facebook arbeitet an einer eigenen Suchmaschine. Die Gerüchteküche brummte seitdem naturgemäß. Gestern hat Facebook dem ein Ende bereitet und seine „Graph Search“ genannte Neuerung der Öffentlichkeit vorgestellt. Herausgekommen ist im Prinzip eine aufgebohrte interne Suche über die Facebook-Daten. Getrieben von einem intelligenten Autocomplete-Feature können Facebook-Nutzer künftig die Elemente Personen, Fotos, Orte und Interessen durchsuchen und mit vielen Filtermöglichkeiten eingrenzen. So sind Suchen wie „Welche indischen Restaurants in Bonn bevorzugen meine Freunde aus Indien?“ oder „Fotos meiner Bekannten, die in Berlin aufgenommen wurden“ möglich. Abgesehen davon, dass facettierte interne Suchen seit Jahren in vielen Onlineshops möglich sind und auch ein etwas moderneres Frontend, wie es Facebook hier gezeigt hat, keine Revolution darstellt, sehe ich Graph Search vor zwei gravierenden Probleme:

Zum einen ist der durchsuchte Datenbestand von der Anzahl meiner Kontakte sowie deren Aktivität bei Facebook abhängig, da nur komplett freigegebene oder mir freigegebene Inhalte durchsucht werden. Dies reduziert bereits vor der Suche die Wahrscheinlichkeit, dass der bestmögliche Treffer gefunden wird, massiv. Natürlich kann man hier entgegenhalten, dass Empfehlungen aus dem (Facebook)-Freundeskreis häufig eher meinen Interessen entsprechen. Trotzdem sehe ich diese „Filter Bubble“ bei sehr vielen Suchen als negativ an.

Zum anderen ist es so, dass Facebook nicht aktiv rausgeht und Inhalte sucht. Es werden nur Elemente gefunden, die Facebook-Nutzer irgendwann mal gefunden und in das Facebook-System eingestellt haben. Was bei Google der Googlebot ist, muss bei Facebook also durch die Nutzer passieren. Das hat den großen Nachteil, dass diese Aktivitäten nicht von Facebook gezielt gesteuert werden können und weite Teile des interessanten Internets künftig weiße Flecken in der Facebook Graph Search bleiben werden. Dass Zuckerberg als „one last thing“ dann die Integration der Bing-Ergebnisse als Backfill-Index vorgestellt hat, konnte meine Begeisterung auch nicht so richtig wecken.

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Kommentare
Andreas   
16. Januar 2013, 10:15

Facebook gibt doch bei nicht zutreffendem Ergebnis die Daten an Bing weiter und diese werden direkt in Facebook angezeigt. Oder habe ich hier etwas falsch gelesen?

Gruß
Andreas

Johannes   
16. Januar 2013, 10:16

Andreas, genau – wenn Facebook selber nichts findet, werden die Treffer von Bing ausgegeben. Keine wirkliche Revolution, oder?

Tobias   
16. Januar 2013, 10:16

Ich denke die wichtige Information kam am Ende: Zuckerberg denkt nicht, dass die User zu Facebook kommen, um Web Search zu machen. Das sei auch nicht die Absicht. Wie auch Google will Facebook die User auf ihrer Plattform halten und verhindern, dass die Nutzer ihre Informationen an anderer Stelle holen. Die Kombination aus Graph Search (oder eben Social Search) und Web Search ist meiner Meinung nach eine super Sache. Es ist erst die Spitze des Eisberges und da wird sicher noch viel kommen. Warum jetzt also noch zu Google gehen, wenn ich auch direkt in meinem Facebook Account suchen kann?

Hanns   
16. Januar 2013, 11:10

@Tobias: Ich würde noch zu Google gehen, da ich nicht möchte, dass Facebook meine Suchanfragen in Kombination zu meinem Profil speichert und der Google-Suchschlitz in meinem Browser auch ohne einen weiteren Klick erreichabr ist. Irgendwie vertraue ich Google in Sachen Datenschutz deutlich mehr. Bei vielen Suchanfragen sind die Ergebnisse einer Social Search auch einfach nicht relevant und eher störend.

Dominik Schwarz   
16. Januar 2013, 11:14

Darüber hinaus zweifle ich stark daran, dass das Gros der Nutzer überhaupt in der Lage ist, Suchanfragen „in natürlicher Sprache“ zu stellen.

a) Weil es jetzt bereits 10+ Jahre gelernt wurde, dass man in den Suchschlitz ein Stichwort eingibt.

b) Weil für eine Suchanfrage wie „indische Restaurants in Bonn, die von meinen Freunden mit Geburtsland Indien gut bewertet wurden“ eine gewisse „Hacker“-Kreativität benötigt wird. Oder könnt ihr euch ernsthaft vorstellen, dass eure Mütter so eine Anfrage tätigen?

Tobias   
16. Januar 2013, 11:30

@Dominik: Schau dir mal die letzten drei Minuten des gestrigen Events an (http://youtu.be/c-E3cfPHjeY?t=41m30s). Du kannst durchaus auch ganz normal suchen und musst da also keine Hacker-Kreativität haben.

@Hanns: In Sachen Datenschutz stimme ich dir durchaus zu. Aber auch Google ist da auch kein Kind von Traurigkeit. Aber wenn ich bereit bin, Fotos und dergleichen bei Facebook einzustellen und gezielte Social Ergebnisse zu meiner entsprechenden Suchanfrage zu bekommen, ist der User meiner Meinung nach auch bereit, seine Daten herzugeben.

So funktioniert es bei Apps im Handy und so wird es auch mit dem Social Graph funktionieren. Entweder man ist bereit, einige Daten herzugeben und davon zu profitieren oder eben nicht. Diese Problematik wird immer bestehen.

Malte Landwehr   
18. Januar 2013, 17:34

Hanns, die Kombination aus Profil und Suchanfragen hast du aber bei Google auch. Zumindest der Standard-Nutzer wird sich nicht aus seinem Google-Accounts ausloggen wenn er normale Suchanfragen ausführt. Und eingeloggt wird durch GMail, Google Docs, YouTube, usw. früher oder später jeder sein.

Philipp   
1. Februar 2013, 09:33

Den Weg der sozialen Suche geht Google mit Search Plus Your World ja auch, die kommen nur aus der anderen Richtung. Für mich ist das auch nachvollziehbar, die Suche der Zukunft muss meines Erachtens in der Lage sein die relevantesten Web-Ergebnisse und persönliche Empfehlungen zu verbinden. Weiß den jemand, wie Search Plus Your World in den USA angenommen wird?

Geraldine   
12. Februar 2013, 19:55

Wenn man sich überlegt, wie negativ der Datenschutz bislang bei Facebook gehandhabt wurde, dann ist das eine gruselige Entwicklung.

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