Liebe deine Webseite: Plädoyer für mehr Unabhängigkeit

Johannes Beus
Johannes Beus
1. Mai 2019
Johannes Beus
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Johannes Beus ist Gründer und Geschäftsführer von SISTRIX.

Die großen Internet-Konzerne Google, Amazon, Facebook und Apple sind die Herrscher über das (westliche) Internet. Wir sind nur noch Zuschauer. Wieso deine eigene Webseite gerade deswegen mehr Aufmerksamkeit erhalten sollte, zeigt dieser Beitrag.

Peter Thiel, Silicon Valley-Unternehmer deutscher Herkunft, Gründer von PayPal und Palantir sowie früher Facebook-Investor hat in seinem Buch “Zero to One” eine zentrale Aussage gemacht:

Monopoly is the condition of every successful business.

Zero to One, Peter Thiel 

Aus Unternehmenssicht haben Monopole einen gravierenden Vorteil: fehlender Wettbewerb führt zu dauerhaft hohen Gewinnen. Für die GAFA-Konzerne ist dabei zentral: die Kundenbeziehung muss bei ihnen liegen. Nur so kann der Zugang zu diesen Kunden dauerhaft und immer wieder erneut verkauft werden.

Um die Kundenbeziehung zu behalten, müssen sie Herrscher über das Spielfeld sein: Nutzer bewegen sich dabei im Firmen-Universum ohne es zu verlassen. Gerade bei Apple, aber auch bei Amazon ist das deutlich zu erkennen. Bei Käufen von Marketplace-Händlern oder dem Download von Iphone-Apps über den Apple-Store gibt es keinen Kontakt zu den Anbietern direkt, sondern lediglich zu Amazon und Apple.

Der Facebook-Konzern hat aus seinem sterbenden sozialen Netzwerk Facebook gelernt und bei Instagram auf Möglichkeiten, der Plattform zu entfliehen, fast vollständig verzichtet. Nur Google hat es naturgemäß schwer: als Suchmaschine ist die Empfehlung passender Webseiten nun mal inhärent im Geschäftsmodell enthalten. Aber auch hier gibt es Mittel und Wege: ein eigener Browser oder HTML-”Erweiterungen” wie AMP sind Werkzeuge, um das eigentlich offene Internet ein Stück weit zu Googles eigenem Spielfeld zu wandeln.

Auf absehbare Zeit wird sich an diesem Status Quo nichts ändern: den vier großen GAFA-Konzernen gehört faktisch das (westliche) Internet. Regulierungsbemühungen der EU-Kommission kommen viele Jahre zu spät und es werden noch Jahre vergehen, bis (wenn überhaupt!) Auswirkungen spürbar werden. Eine mögliche Besteuerung auf EU-Ebene ist Zukunftsmusik und der Kampf von Interessenvertretungen wie der VG Wort auf Basis der neuen Urheberrechtsreform ist zwar unterhaltsam, wird aber keinen Erfolg haben. Als Unternehmer gilt daher: machen wir das Beste aus den gegebenen Umständen.

Wie geht man damit nun um? Meine Empfehlung: schlage die GAFA-Konzerne mit ihren eigenen Waffen. Übernimm die direkte Beziehungen zu deinen Kunden, Interessenten und Webseitenbesuchern und führe sie über nicht monopolisierbare Wege fort. Davon gibt es noch zwei Relevante: deine Webseite und die direkte E-Mail-Kommunikation.

Liebe deine Webseite

Deine Webseite muss im Zentrum aller deiner Online-Aktivitäten stehen. Nur über sie hast du dauerhaft die uneingeschränkte Kontrolle. Bildlich gesprochen, ist deine Webseite dein Haus auf deinem eigenen Grundstück während du bei Aktivitäten auf den großen Plattformen nur auf zeitlich gemietetem Grund baust, bei dem sich die Bedingungen jederzeit und kurzfristig ändern können.

Natürlich ist eine eigene, erfolgreiche Webseite nicht trivial zu erstellen und betreiben. Die Erwartungen sind auf vielen Ebenen hoch und wachsen weiter: rasante Ladezeiten, Unterstützung aller Devices, ansprechendes Design, das sich trotzdem abhebt, einfache Nutzbarkeit, perfekte Inhalte sowohl als Text, Bild und auch Video und vieles mehr. Die Messlatte der Besucher orientiert sich an den sehr guten Produkten der GAFA-Unternehmen. Hier mithalten zu können, ist nicht einfach aber machbar – und ehrlicherweise auch ohne Alternative.

Um diese Herausforderung erfolgreich zu meistern, darf deine Webseite nicht einfach nur ein weiteres Projekt sein. Dir darf es nicht egal sein, wenn Erstbesucher erst das Datenschutz-Popup, dann die Browser-Notification-Erinnerung und zum Schluss eine Newsletter-Einladung wegklicken müssen, bevor sie auch nur 3 Zeilen Inhalt sehen. Eine verwirrende Navigation muss bei dir körperliches Unbehagen hervorrufen, so dass du sie schnellstmöglich gegen eine nutzerzentrierte Variante austauschst. Deine Webseite ist der Kanal, der mit Abstand die meiste Aufmerksamkeit benötigt und auch erhalten muss.

Dein Umgang mit den GAFA-Plattformen muss spiegelbildlich zu ihrem Umgang mit dir erfolgen: nutze ihren Stärken und Besucherströme, wo es für dich und dein Geschäft Sinn ergibt. Verlasse dich jedoch nicht auf sie und sei darauf vorbereitet, dass die Spielregeln morgen vollständig anders aussehen können. Investiere keinen vermeidbaren Aufwand in ihre Plattformen, sondern nutze die Zeit für deine eigene Webseite.

Fazit

Es ist nicht schönzureden: die GAFA-Konzerne beherrschen das Internet. Diese Situation wird sich auch kurzfristig nicht ändern. Gehe pragmatisch damit um und nutze die Plattformen, wo sie Besucher auf deine zentrale Anlaufstelle senden: deine eigene Webseite. Investiere viel Zeit, Energie und Liebe in deine eigene Webseite. Sie ist deine Anlage, die diese Plattformen hoffentlich überdauern wird.

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Kommentare
JeW.   
1. Mai 2019, 11:26

Hey Johannes,
da steht am Feiertag auf und bekommt gleich wieder super informativen Content von euch 😉 Ne Spaß bei Seite: Ich bin voll und ganz deiner Meinung: Was Amazon und Google im letzten Jahrzehnt für ein digitales Imperium errichtet haben, scheint nicht nur einmalig, sondern macht mir – je länger ich drüber nachdenke – ziemliche Bauchschmerzen…
Mal schauen, wo wir in ein paar Jahren stehen…
Liebe Grüße aus Berlin, Jeremy

Tobias Diehl   
1. Mai 2019, 19:41

Hey Johannes,
super Beitrag. Das predige ich meinen Kunden auch schon lange. 🙂 Vor allem im E-Commerce! Viele machen sich einfach zu abhängig von den Plattformen. Und wenn man pech hat… dann kommt der große Schlag, und ups… ist der Amazon-Selleraccount willkürlich gesperrt und man kann den laden dicht machen.
Sehr gut also dein Gedankenanstoß. Ich hoffe, dass den Beitrag viele lesen. 🙂
Beste Grüße

Ben Harmanus   
1. Mai 2019, 22:55

Danke, Johannes.

„Liebe deine Website“. Ein schönes Plädoyer. Und ich freue mich, dass du noch einen wichtigen Punkt ansprichst: Nutzerzentrierung. Morgen geht von mir ein Artikel genau zu diesem Dilemma live. Denn im Gegensatz zu GAFA haben die meisten Unternehmen nicht verstanden, dass obsessive Customer Centricity ein Muss ist, um den US-Internetkonzernen etwas entgegen zu halten. Und dazu zählt eben auch, die eigene Website kontinuierlich zu pflegen!

Grüße aus Berlin, Ben

Jan-Dirk   
1. Mai 2019, 23:17

Hallo Johannes,
vielen Dank für den Artikel, der – auch das muss ich ehrlich sagen – für mich nicht groß neue Informationen mit sich bringt.
Trotzdem ist er sehr wertvoll, denn er bringt auf den Punkt und schärft den Blick für das, was bei allem SEO-Optimieren usw. oft untergeht. Der NUTZER und KUNDE muss nach wie vor König sein und im Vordergrund stehen.

Und auch wenn die Übermacht von GAFA enorm ist, der letzte Satz des Beitrags ist für mich zugleich der wichtigste:
„Sie ist deine Anlage, die diese Plattformen hoffentlich überdauern wird.“
Das wird sie. Einzig google wird uns noch eine ganze Weile begleiten, ansonsten wird man Facebook und Co sicherlich früher oder später auf dem „Datenfriedhof“ wiederfinden, auf dem man jetzt MySpace und Co trifft 😉

Gruß

Christian   
4. Mai 2019, 14:48

Wunderbar, ganz wunderbar. Der Weg ist schwer und steinig aber genau der Einzige, den man gehen will.

Und: wenn Du Deine Webseite und Besucher liebst, bindest Du keinerlei Skripte von GAFA Konzernen ein. Keine Google Fonts, keine Google Maps, kein Google Analytics oder Adsense, keine Facebook Buttons (notfalls reicht ein einfacher Share-Link) oder ähnliche Datenkraken. Liebe Deine Webseite, respektiere Deine Besucher und baue damit auf langfristigen Erfolg.

Anglo   
4. Mai 2019, 22:56

Wow, endlich jemand der Tacheles spricht. Leider sieht die Realität leider anders aus. Heutzutage müssen kleine Unternehmen über Plattformen verkaufen, da sie nicht das nötige Geld für einen eigenen Onlineshop besitzen und sich mit Seo überhaupt nicht befassen bzw. auskennen. Google sollte eine Art „Start-up“ Kampagne fahren. Jedes Jahr werden z. B echte Neugründungen (1000 in der Anzahl) Seo mäßig geschult und gepusht.

Die eigene Website als Content-Hub - <Web-Service>   
6. Mai 2019, 13:51

[…] Lesetipp:Passend dazu der Beitrag von SISTRIX:Liebe deine Webseite: Plädoyer für mehr Unabhängigkeit […]

Daniel Wendel   
8. Mai 2019, 12:11

Toller Artikel, vielen Dank!

Ein Kunde von uns meinte, er rede schon mehr über Google & Co. als von seiner Frau und das gibt Ihm schon bald zu denken und und uns natürlich auch!

Wir haben Ihm haben gesagt, dass die Mehrheit der Unternehmer sich deutlich mehr über Ihre Zielgruppe und über Ihre Marketingbasis-Arbeiten beschäftigen sollen – den Rest müssten die Agenturen für Ihn erledigen.

Google & Co. macht letztendlich sowieso was es will!

Joerg (Ideenfabrik-Team)   
19. Mai 2019, 20:28

Lieber Herr Beus, ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Aus eigener Erfahrung sehen wir jeden Tag, wie wichtig es ist, die eigenen Website zu pflegen und Schritt für Schritt zu einer Plattform für Kunden auszubauen.

Auch unseren Kunden geben wir das immer wieder mit. Die, die es verstanden haben und regelmäßig, strukturiert und zielgerichtet an ihrer Website (oder ihrem Onlineshop) arbeiten, generieren messbare Erfolge über die eigene Website und sind damit nicht zu 100% abhängig von den großen Plattformen.

Eugen   
25. Mai 2019, 07:26

Ein sehr guter Beitrag, wie sagt man: „Liebe, was du tust und tue, was du liebst!“

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